200: SED-„Aktion Ungeziefer“ 1952, vor 60 Jahren

Der grüne EU-Parlamentarier Michael Cramer beschreibt die SED-„Aktion Ungeziefer“ von vor 60 Jahren („Die Welt“, 26. Mai 2012). Dabei wurde an der DDR-Grenze eine fünf Kilometer breite Sperrzone eingerichtet. An der 1.394 Kilometer langen Grenze wurden Wachtürme errichtet, mannshohe Zäune gezogen und ein 500 Meter breiter Schutzstreifen angelegt, der nur bei Tageslicht mit Sonderausweis betreten werden konnte. Von Ende Mai bis Anfang Juni 1952 wurden dann über 10.000 DDR-Bürger als „unzuverlässige Elemente“ zwangsumgesiedelt. Mehr als 3.000 Betroffene entzogen sich durch die Flucht in den Westen über West-Berlin. Dieses Schlupfloch wurde erst 1961 mit dem Bau der Mauer nahezu vollständig geschlossen. Die Zeit, in der Menschen von den Nazis als „Ungeziefer“ diffamiert, verschleppt und ermordet wurden, lag erst wenige Jahre zurück. Das war den „Antifaschisten“ in der DDR anscheinend ziemlich gleichgültig.

Im Zuge der Aktion wurden Dörfer wie Stresow an der Elbe oder Libau bei Sonneberg in Thüringen entvölkert und später dem Erdboden gleichgemacht. Gleichzeitig hatte die Stasi verfügt, Stillschweigen über das Geschehen zu wahren. Eine Entschädigung für den Verlust von Haus und Hof war nicht vorgesehen. Aufsehen erregte beispielsweise die Massenflucht aus dem grenznahen Billmuthshausen in Thüringen, das von der „Aktion Ungeziefer“ schwer betroffen war. Am 20. Juni überschritten sieben Familien mit 34 Personen und ihrer Habe die Grenze nach Bayern. Nach dem Mauerbau 1961 folgte die nächste Umsiedlungswelle für DDR-Bürger an der Grenze (Aktion „Kornblume“). Im Januar 1965 wurde in Billmuthshausen mit dem Abriss der Dorfkirche die endgültige Zerstörung des Dorfes eingeleitet. Am 1. September 1978 verließ die letzte Familie den Ort, der Rat des Kreises meldete am 4. Dezember 1978 den Vollzug der „Grenzmaßnahme Billmuthshausen“.

Nach der Grenzöffnung 1989 konnten einige frühere Bewohner an den Standort ihres Dorfes zurückkehren. Die Inschrift auf einem Gedenkstein  lautet: „Hier stand von 1340 bis 1978 das Dorf Billmuthshausen. 1978 zerstört, die Einwohner vertrieben. Nur die Toten durften bleiben.“

Michael Cramer verfasste mehrere Bücher über das Radfahren entlang der früheren Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR und zwischen den Blöcken in Europa.

Wahrscheinlich sympathsiert er mit dem Projekt des „Grünen Bands“ entlang der ehemaligen Grenze.

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