198: Ludwig Poullain: Der Euro sprengt Europa !

Eingeführt worden ist der Euro als Integrationswährung für Europa. Und die Bundeskanzlerin behauptet ständig, dass ein Scheitern des Euros ein Scheitern der europäischen Vereinigung nach sich ziehen würde. Eine schlimme Prognose angesichts der vielen ungelösten Finanz- und Währungsprobleme in Europa. Und offensichtlich kommen ja neue in Spanien, Portugal, Italien, Frankreich und Irland dazu. Da ist es schon angebracht, über Alternativen nachzudenken. Das geschieht auch ständig. Und manchmal mit Bedacht. So bei Ludwig Poullain, von 1969 bis 1977 Chef der WestLB, im Interview mit Caspar Dohmen und Harald Freiberger von der SZ (24. Mai 2012).

Poullain geht davon aus, dass dem Euro eine politische Union Europas hätte vorausgehen müssen. Da dies nicht geschehen sei, sprenge eine einheitliche Währung die so sehr verschiedenen Volkswirtschaften Europas auseinander. „Ich sehe das Ende des Euro als ‚Vereinigungswährung‘ voraus. Unsere Kanzlerin deklariert, dass, wenn der Euro scheitert, auch die Vereinigung Europas scheitern würde. Dem setze ich entgegen, dass gerade der Euro Europa sprengen wird. Er entzweit die Völker, baut Neid, Missgunst, ja sogar Hass gegeneinander auf. Dies ist der geistige Aspekt. Der reale wird sein, dass die strukturellen Verwerfungen in der Wirtschaft der Mitgliedstaaten nicht heilen, sondern sich vergrößern werden.“

Bei den meisten Menschen habe die Einführung des Euros nur die Vorstellung hervorgerufen, dass sie für einen Urlaub in Spanien die Mark nicht mehr in Peseten eintauschen müssten.

Poullain ist nicht pessimistisch für den Fall, dass der Euro zerbricht. „Für Deutschland wird es einen Aufwertungsknall geben, mit der unsere Industrie jedoch fertig werden wird.“ Durch verschiedene Währungen werde der Nationalismus, das alte europäische Übel, nicht gestärkt. „Im Gegenteil. ich meine, dass die Gefühle der Griechen gegenüber uns Deutschen weniger aufgeladen wären, wenn ihnen im Mai 2010 die erste Hilfe verweigert worden und das Land aus dem Euro ausgeschieden wäre.“

Das Problem drohender Aufwertungen der D-Mark bei unterschiedlichen europäischen Währungen hält Poullain für lösbar. Und er erinnert sich an die ständigen Auseinandersetzungen über die Aufwertungen vor dem Floating. Die Industrielobby habe stets den Teufel der zurückgehenden Exporte an die Wand gemalt. „Für mich gibt es jedoch keinen Zweifel, dass der heutige hohe Stand der deutschen Industrie gerade auch eine Folge des steten Zwangs war, auf die aufwertungsbedingte Verteuerung der Waren noch einmal mit einer Verbesserung der Qualität der Waren und der Erhöhung der Produktivität zu reagieren.“

Bei der Bewertung der Zukunftsaussichten sei zu sagen, dass sich das Gewicht der Märkte für unsere Industrie stetig fort von Europa und hin nach Fernost und Südamerika verlagern werde.

Hier haben wir eine nüchterne Lagebeurteilung ohne Ressentiments und rassistische Beiklänge vor uns. Die Griechen können aus dem Euro heraus. Wir brauchen keine Eurobonds. Dem deutschen Steuerzahler werden keine unzumutbaren Lasten aufgebürdet.

Was aber vor allen Dingen politisch zu geschehen hat, ist, dass ein stärker demokratisch legitimiertes Europa geschaffen werden muss mit mehr parlamentarischer Kontrolle und stärkeren zentralen Kompetenzen in der Außen- und Sicherheitspolitik. Mehr Europa, statt weniger.

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