Zwei Bücher haben den Horizont der Holocaust-Forschung 2012 verschoben:
Timothy Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin. und
Jörg Baberowski: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt. (hier im Blog besprochen unter Außenpolitik und der Nr. 177).
Michael Wildt, Professor für deutsche Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts an der Humboldt-Universität in Berlin, nimmt sich die Entwicklung der Holocaust-Forschung vor (SZ, 23. Mai 2012). Er benennt mit Karl-Dietrich Bracher: „Die deutsche Diktatur“ aus den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts und Raul Hilbergs Buch über den Judenmord (1961) zwei Stufen der Entwicklung. Aber erst seit der historischen Zäsur von 1989 seien mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur die Archive offen und ermöglichten ein präziseres Erfassen des Stalinismus. Dieser begann schon mit millionenfachem Mord. Die Bloodlands waren jene Region, die sich von Polen über das Baltikum, die Ukraine und Weißrussland bis nach Westrussland erstreckte.
„Die Zwangskollektivierung führte Anfang der dreißiger Jahre in der Ukraine, Kasachstan, im Nordkaukasus und anderen Gebieten zu einer ungeheuren Hungersnot, in der nach heutigen Schätzungen insgesamt etwa sechs Millionen starben, mehr als drei Millionen allein in der Ukraine. Im ‚Großen Terror‘ der Jahre 1937/38 wurden über 700 000 Menschen ermordet und wiederum Millionen deportiert und in den Zwangsarbeitslagern des Gulag interniert.“
Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion also war 1941 keinesfalls der Beginn der Gewalt. Aber er war gelenkt und begleitet von Plänen zum gezielten Massenmord. „Zwar war die jüdische Bevölkerung zweifellos das Ziel eines systematischen Massenmords, aber auch Roma, Polen, Ukrainer, Weißrussen, Litauer und andere fielen der Vernichtungspolitik zum Opfer. Der Mord an sowjetischen Kriegsgefangenen war systematisch geplant und übertraf zahlenmäßig die gleichzeitige Erschießung von Juden um ein Mehrfaches. Im sogenannten ‚Generalplan Ost‘ wurde die Verteibung, Versklavung und Ermordung von dreißig Millionen Menschen in Osteuropa ‚wissenschaftlich‘ vorausgedacht.“
„Obwohl außer Zweifel steht, dass die deutsche Vernichtungspolitik für die Massenmorde verantwortlich war, so war ihre Verwirklichung nicht ohne die Mittäterschaft der einheimischen Bevölkerung möglich. Beim Einmarsch der Deutschen rächten sich Litauer, Ukrainer an den Juden in ihren Orten für die Sowjetherrschaft, die in ihrem antisemitischen Blick auch eine jüdische gewesen sein sollte. Die Entdeckung von Gräueltaten, die der sowjetische NKWD bei seinem Abzug in den Gefängnissen begangen hatte, führte zu mörderischen Pogromen an den Juden, die von SS-Einheiten tatkräftig unterstützt wurden.“
In Osteuropa kreuzten und durchdrangen sich stalinistische und nationalsozialistische Gewaltpolitik und verstärkten sich schließlich gegenseitig. „Die deutschen Gewalttaten in Osteuropa werden künftig nicht mehr isoliert, sondern nur mit Bezug auf die stalinistische Gewaltpolitik untersucht werden können.“
Die zentrale Rolle nimmt dabei der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 ein.
„Den Zehntausenden von Morden der SS-Einsatzgruppen 1939/40 entsprachen auf sowjetischer Seite die systematischen Erschießungen der polnischen Offiziere in Katyn und andernorts.“
Der Historiker-Kollege Dan Diner habe durchaus Recht, wenn er in der „Literarischen Welt“ in seiner Kritik an Snyders Buch feststelle, „dass Auschwitz darin nicht mehr den zentralen Stellenwert einnimmt“. Doch bedeute das nicht die Einebnung der Gewalttaten. „Gewalt wird durch die vergleichende Analyse nicht gleich, sondern klarer.“ Der systematischer Massenmord an den Juden in den Vernichtungslagern Auschwitz, Treblinka, Sobibor, Belzec bleibe „beispiellos“. Das habe schon Richard von Weizsäcker in seiner vielbeachteten Rede als Bundespräsident 1985 festgehalten.
Die Forschung habe heute eine Vielzahl von Gewaltakteuren, Gewaltsituationen und Gewaltentscheidungen zu untersuchen. „Nicht alle folgten der SS-Logik, Juden umzubringen, weil sie Juden waren.“
Ursachenfaktoren waren
der Antisemitismus,
die Ethnisierung des Politischen,
die imperiale Expansion,
die ökonomische Ausplünderung,
die utopische gesellschaftliche Neuordnung
und die nackte Gier, den Besitz des Nachbarb zu rauben.