181: Ein verspäteter Nachruf zur Grass-Debatte. Warum sein Anstoß noch heilsam wirken könnte.

Im Diskurs über Günter Grass‘ Gedicht „Was gesagt werden muss“ (SZ 4.4.12) ist viel Nebel geworfen worden. Weil Propagandisten eingeschaltet waren. Und viele Punkte sind diskutiert worden, um die es nicht wirklich geht. Es geht nicht um die literarische Qualität des Grass-Gedichts. Und natürlich ist Günter Grass auch eitel. Sonst könnte er kein Schriftsteller sein. Er ist auch ein alter Mann. Aber Vorsicht mit diesem „Argument“. Denn ansonsten beteiligen sich ja genug alte Männer an internationalen Diskursen. Etwa der Papst. Das Alter ist – nicht nur hier – kein Argument. Töricht ist Grass da, wo er von „Hordenjournalismus“ und „Gleichschaltung“ spricht. Das müsste er besser wissen.

Und natürlich ist Iran mit seiner Theokratie ein rückständiges Regime. Rassistisch und aggressiv. Die dort Herrschenden würden Israel tatsächlich gerne „auslöschen“. Sie wollen die Atombombe. Nicht zuletzt, um die Machtverhältnisse im vorderen Orient zu ihren Gunsten zu verschieben und die Saudis zu übertreffen. Und sie werden die Atombombe letztlich auch bekommen. Selbst wenn sich die gegenwärtigen Atommächte dagegen einig wären. Was wohl gar nicht der Fall ist. Iran unterstützt mit der Hamas und der Hisbollah auch Terroristen. An all dem kann kein Zweifel bestehen. Was machen die Vereinten Nationen (UN ), was macht „der Westen“ (USA, NATO, EU), was macht die internationale Staatengemeinschaft? Es wird mit Iran verhandelt. Und das ist zwar vielleicht aussichtslos, aber zweifellos richtig, um zu versuchen, Iran zu zähmen. All dies können wir wissen. Und der Bundesverteidigungsminister hat seinen israelischen Kollegen Barack vor dem Alleingang eines Erstschlags Israels gewarnt, ohne dass ein Aufschrei durch die Kommentare ging. Gleichzeitig ist das syrische Regime dabei, die eigene Bevölkerung zu dezimieren, weil es sonst nicht an der Macht bleiben kann. Alles natürlich viel schlimmer als einzelne Fehler der israelischen Regierung.

Israel bleibt die einzige richtige Demokratie im Nahen Osten. Es ist ein sehr moderner Staat, in dem z.B. sehr viele Patente angemeldet werden, mit allen Problemen, die moderne Staaten so haben. Dann hat es noch seine religiösen Eiferer, die ständig Ärger machen. Israel ist auch aus dem Holocaust entstanden. Israel musste und muss die sephardische und die russische Einwanderung verkraften. Sogar mit einer nicht geringen Auswanderung muss es neuerdings fertigwerden. Israel ist seit langem Atommacht. Das wissen alle, die sich dafür interessieren. Israel hat seit längerem recht gute Beziehungen zu Deutschland. Davon profitieren beide Seiten. Wir liefern u.a. U-Boote. Die können u.a. für die „Second-Strike-Capability“ von See aus auch mit Atomwaffen genutzt werden. Wir sollten die U-Boote an Israel liefern, weil es ja wirklich bedroht ist.

All dies ist bekannt und sollte in unsere Analyse eingehen. Darum ging es bei dem Grass-Gedicht im Kern aber nicht. Es ging darum, dass angesichts der realen Bedrohung Israels und der vielen Überfälle von Gaza und anderswo sich dort ein Sicherheitsdenken breitgemacht hat, das alle anderen Argumente letztlich plattmacht und beiseite schiebt. Und mit dem man dort die Wahlen gewinnt. Im Zweifelsfall zieht die Regierung Netanjahu die Sicherheitskarte und kommt damit durch. Wenn das verbunden ist damit, sich ein Erstschlags-Recht zuzusprechen, wird es militärisch und politisch gefährlich. Davor sollten wir Israel warnen. Insbesondere wenn Israel Alleingänge unternimmt, kann es in der Wirkung tödlich sein für den Staat Israel. Aber es steht doch gar nicht allein. Z.B. die USA und Deutschland stehen fest an Israels Seite. Und sind politisch und militärisch handlungsfähig. Allein die USA verfügen über die bunkerbrechenden Waffen, die Israel für einen erfolgreichen Erstschlag gegen Iran braucht. Also warnen wir Israel vor gefährlichen Alleingängen.

 Das hat auch Günter Grass getan. Und das ist verdienstvoll, weil ansonsten zu viele Tabus herrschen würden. Wahrscheinlich wird sich Grass‘ Anstoß einmal heilsam auf die Nahost-Debatte auswirken.

Im übrigen: Es ist der israelischen Propaganda stets möglich, dann, wenn wir unsere Verbundenheit mit Israel benennen, zu sagen, wer so häufig auf seine Verbundenheit hinweise, dessen Position sei wohl gar nicht klar. Etc. Benennen wir unsere Verbundenheit nicht, ist es leicht, von dort zu fragen, warum die Verbundenheit nicht benannt wird. Das ist das übliche propagandistische Rhetorik-Spiel.  Wir beherrschen es auch. 

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