179: Rudolf Hickel erklärt die Gefahren der Finanzmärkte.

Der bekannte und umstrittene Ökonom Rudolf Hickel, 70, wurde von der SZ (Interviewer Hans-Jürgen Jakobs, 14.3.2012) nach der Deregulierung der Finanzmärkte seit Margaret Thatcher in den achtziger Jahren und zu ihren Gefahren befragt. Er antwortet darauf auch mit persönlichen Beispielen und verfällt nicht in Schwarz-Weiß-Malerei. Ich fasse das in zehn Thesen zusammen:

1. „Mit Margaret Thatcher in Großbritannien hat im Grunde alles angefangen, der ganze Schlamassel mit der Finanzkrise. … Das war im Oktober 1986 der Big Bang, eine völlig übertriebene Deregulierung des Finanzplatzes London. Und dann kam in den USA Präsident Bill Clinton und hat 1999 die Trennung zwischen Geschäftsbanken und Investmentbanking aufgehoben. Die scharfe Trennung zum Schutz der Bankkunden war seit der Weltwirtschaftskrise 1929 aus guten Gründen Gesetz gewesen.“

2. Hans Eichel „hat die Zulassung von gefährlichen Derivaten sowei der Hedgefonds in Deutschland zu verantworten. Das war der deutsche Beitrag zur Entfesselung der Finanzmärkte.“

3. Er konnte sich auf „den Rat der Mehrheitsökonomen verlassen. Die haben zu jener Zeit ohnehin brav dem Lehrsatz geglaubt, deregulierte Finanzmärkte seien immer effizient. In makroökonomischen Modellem kommt eine Bankenkrise nicht vor.“

4. „2009 gab es unter den Chefs der großen Staaten einen Willen zur weltweiten Regulierung der Finanzmärkte. Das ist vorbei. Heute muss man feststellen: Barack Obama ist praktisch gescheitert. Die Lobbyisten waren stärker. Ich habe auch Zweifel, ob die SPD und die Grünen in der Regierungsverantwortung die heutigen Regulierungsbekenntnisse umsetzen würden.“

5. „Die Geldgeschäfte haben sich völlig entkoppelt von der realen Produktionswirtschaft.“

6. „In Deutschland hatten wir immer den Typus der Universalbank, die alles macht. Das wurde erst ein Problem, als die Methoden der Investmenbanker aus den USA hier Einzug hielten. Künftig werden sich die reinen Zockergeschäfte reduzieren, Exzesse sind nicht mehr möglich. Durch die vielen Rettungsschirme und Notkredite für Schuldenländer in Europa ist die Krise zumindest für eine Weile ruhiggestellt. Da kann es über Nacht zu einer Explosion kommen. Deshalb müssen die von Gier getriebenen Spekulationsgeschäfte verhindert werden.“

7. „Völlig unverantwortlich ist das Gerede, Griechenland könne sich selbst durch die Einführung der Drachme retten.“

8. „Die bewusste Ökonomie ist mit der Empirie der zerstörerisch wirkenden Finanzmärkte nach links gerutscht, … Denn der Neoliberalismus ist total gescheitert.“

9. „Meine Forderung ist, so wie in den USA 2008 Banken in der Krise zwangsweise teilweise zu verstaatlichen. Auf die Dauer aber soll ein privates Bankensystem bleiben – mit der Deutschen Bank und der Commerzbank sowie den Sparkassen und den Volksbanken. Dem Staat traue ich in seiner Leistungsfähigkeit nicht über den Weg. Je besser der Rahmen der Regulierung ist, um so weniger braucht man Verstaatlichung. Die Finanzgeschäfte müssen zivilisiert und demokratisiert werden.“

10. „Ich habe viel gelernt und das weit verbreitete linke Vorurteil abgebaut, dass Vorstände nur ‚Charaktermasken des Kapitalismus‘ seien.“

Bei Rudolf Hickel sehe ich, dass er das Kind nicht mit dem Bade ausschüttet und bei weitgehender Regulierung an den privaten Banken festhält. Wir brauchen keine Verstaatlichung der Banken, sondern kundige und an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung orientierte Investitionen. In Griechenland und anderswo.

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