Haben wir den Stalinismus nicht allmählich begriffen als eine Variante des Kommunismus, zu der es auch Alternativen gegeben hätte? Das ist die Frage. Und
Jörg Baberowski: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt. München (Beck) 2012, 606 Seiten, 29,95 Euro,
geht ihr erneut nach. Der Grund liegt darin, dass er zu neuen Erkenntnissen gekommen ist. Damit beschäftigen sich in zwei lesenswerten Rezensionen Harald Welzer in der „Frankfurter Allgemeinen Sinntagszeitung“ (11.3.2012) und Franziska Augstein in der „Süddeutschen Zeitung“ (13.3.2012). Sie kommen aber nicht zu den gleichen Ergebnissen.
Nach Welzers Interpretation von Baberowski war in Stalins Gewaltherrschaft schlichtweg alles möglich. Die Gewalt habe tatsächlich keinen speziellen Zwecken gedient außer der Machterhaltung. Dazu habe es eines großen und starken Sicherheitsdienstes bedurft und einer „Theorie“ zur Bemäntelung der wahren Ziele. So ließen sich beständig „Feinde“ und „Saboteure“ auf Todeslisten setzen. Ausführlich ist bei Baberowski von der Proletarisierung der Landbevölkkerung die Rede. Einschließlich einer „systematischen Hungerpolitik“, die Jürgen Habermas im „Historikerstreit“ zunächst noch nicht kannte. Unter der Landbevölkkerung habe die Gewalt der Geheimpolizei am heftigsten gewütet. Deswegen sei die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zunächst teilweise auch begeistert begrüßt worden. Die deutsche Fehleinschätzung der Lage habe dann zu der sowjetischen Solidarisierung im „Großen Vaterländischen Krieg“ geführt. Dazu meinte der bekannte Komponist Dmitrij Schostakowitsch: „Nicht nur ich verdanke dem Krieg die Möglichkeit, mich auszusprechen. Das geistige Leben, das vor dem Krieg völlig verdorrt war, erblühte neu, voll und dicht. Alles gewann an Kontur, an Deutlichkeit, an Sinn.“
Beim Zweiten Weltkrieg habe es sich um die „Interaktion zweier Gewaltsystem“ gehandelt, schreibt Welzer. Dies sei aber keineswegs das Ergebnis einer ideologischen Konfrontation gewesen. Baberowski: „Nicht weil sie Überzeugungen hatten, verrohten die Soldaten, sondern weil ihnen die Bedingungen keine andere Wahl mehr ließen. Die Wehrmacht hatte sich über alle geltenden Konventionen hinweggesetzt, und die Rote Armee zahlte es mit gleicher Münze heim, unter Bedingungen, die Technik und militärisches Können wertlos machten. Sie schränkten den Spielraum der Gewaltakteure ein, andere Lösungen als die Vernichtung des Gegners zu finden, und eben darin lag die Bedeutung, die Nationalsozialisten wie Bolschewiki dem Vernichtungskrieg beimaßen. Denn Hitler und Stalin gefiel der Vernichtungskrieg, weil in ihm Feinde nicht besiegt, sondern ausgerottet wurden.“
Der Stalinismus erwies sich dabei als ein System, in dem Köpfe rollten, wenn das Wetter falsch vorausgesagt worden war. Oder in dem man behauptete, wie Hannah Arendt einmal feststellt, dass nur Moskau eine Untergrundbahn besitze. Folgerichtig mussten dann alle anderen Untergrundbahnen vernichtet werden, um aus der Lüge eine Wahrheit zu machen. Harald Welzer bekennt, dass er lange Zeit Michaeil Bulgakows „Der Meister und Margarita“ als Satire auf den Stalinismus betrachtet habe. „Nun weiß ich, dass es sich um einen Tatsachenbericht handelt.“ Baberowski sei ein „eindrucksvolles Buch gelungen, glänzend geschrieben, ein Schlüsselwerk über die Rolle, die Gewalt als soziale Praxis im 20. Jahrhundert gespielt hat“.
Anders Franziska Augstein in ihrer Rezension. Baberowski habe seine Meinung geändert. Früher habe er geglaubt, dass die Bolschewiki ursprünglich etwas Sinnvolles angestrebt hätten, nämlich die Modernisierung ihrer rückständigen Gesellschaft. Gewalt und Terror seien nicht notwendige Begleitumstände der kommunistischen Herrschaft gewesen. Diese Meinung habe Baberowski geändert, bleibe dafür aber die Belege schuldig. Baberowski behauptet in seinem Buch, das ganze bolschewistische Unternehmen sei eine Orgie der Gewalt gewesen, die mit den Theorien des Marxismus lediglich verbrämt worden sei. Für Baberowski war schon Lenin ein „bösartiger Schreibtischtäter“. Das Trachten der Bolschewiki sei auf ihre Lust an der Gewalt zurückzuführen.
Also: entweder haben die Bolschewisten ursprünglich etwas Sinnvolles angestrebt und sind dann (quasi versehentlich) in Gewalt und Terror verfallen oder, und das ist Baberowskis Perspektive, die mich überzeugt, die Bolschewiki hatten von allem Anfang an nur die Perspektive der Machterringung und Machterhaltung, in der sie bedenkenlos ein Gewalt- und Terrorregime (mit Archipel Gulag) errichteten. Der Streit darüber lohnt sich. Und Baberowskis Perspektive 2012 ist anders als 2003 und ganz klar. Sie kommt mir begründet vor.