Die „Erfindung der Zigeuner“

Klaus-Michael Bogdal, Professor für deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld, beschreibt in seinem Buch

Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung. Berlin 2011 (Suhrkamp), 592 Seiten, 24,90 Euro,

wie „die Zigeuner“ konstruiert wurden, um Klarheit darüber zu schaffen, was christlich, zivilisiert und europäisch sei. Er berührt dabei „Nachtseiten europäischer Entwicklung zur Moderne“. Die vor 600 Jahren aus Indien nach Europa eingewanderten Roma wurden als ein Volk gezeichnet, das zu ewiger Wanderschaft verflucht sei. Als ihre wichtigsten Charakteristika wurden Betrug, Faulheit, Wahrsagerei, Spionage für die Osmanen (Türken), Diebstahl, Inzest und Schmutzigkeit genannt. „Zigeuner“ ist keine Selbstbezeichnung. Ebensowenig wie „Gitanos“, „Tataren“, „Bohemians“ und „Gypsies“. Bogdal setzt sich auch mit Klischees auseinander wie der „schönen Zigeunerin“. Und er zeigt, wie Johann Heinrich Pestalozzi, Walter Scott, Achim von Arnim, Victor Hugo, August Strindberg und Egon Erwin Kisch „Zigeuner“ als Fremde stilisiert haben.

Diese Zuschreibungen bildeten die Grundlage für die rassehygienischen Ausmerzungsfantasien und -taten. Eine halbe Million Roma sind von den Nazis vernichtet worden. Noch 1956 bewertete der Bundesgerichtshof Verfolgungen der „Zigeuner“ als „sicherheitspolitische und kriminalpräventive“ Maßnahmen gegenüber „primitiven Urmenschen“. Zur theoretischen Fundierung setzt Bogdal auf die Schriften des Psychoanalytikers

Jacques Lacan

und der Soziologen Pierre Bourdieu und Zygmunt Baumann. Er verschweigt nicht, dass bestimmte Traditionen wie Separierungstendenzen, interne Streitregelungen oder ein starker Primat der Familie über das Individuum manchen der zehn bis zwölf Millionen Roma in der EU bei der Integration und Verbesserung ihrer Lebensbedingungen hinderlich sind, weil sie modernen Individual- und Frauenrechtsvorstellungen widersprechen.

Insgesamt folgt Klaus-Michael Bogdal dem Ansatz, wie er uns bei

Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Frankfurt/New York 1983/1988 (Campus Bibliothek), 306 Seiten,

vorgezeichnet ist.

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