671: Joachim Gauck liegt richtig.

Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski hat im Bundestag anlässlich des 75. Jahrestags des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September 1939 eine klare Haltung gegenüber Wladimir Putins aggressiver Expansionspolitik gefordert. Prompt ergab die Analyse des Linken-Chefs Bernd Riexinger, dass Joachim Gaucks Danziger Rede „die Büchse der Pandora“ geöffnet und in Osteuropa unerfüllbare Erwartungen geweckt habe. Wie uns Jens Bisky gezeigt hat, ist diese Haltung gegenüber Polen von „Herablassung“ gekennzeichnet (Jens Bisky SZ 11.9.14). Und töricht.

Unterstützung bekommt Joachim Gauck dankenswerter Weise von dem Historiker H.A. Winkler (SZ 11.9.14). Er liest den Gauck-Kritikern gekonnt die Leviten. Er schreibt: „Aber der Bundespräsident hielt seine Rede nicht aus Anlass des 75. Jahrestages des Überfalls auf die Sowjetunion im Juni 1941, sondern des deutschen Angriffs auf Polen im September 1939. Er verwies in Danzig nicht auf Stalins Anteil an der Teilung und Unterdrückung Polens, aber er ging auf polnische Besorgnisse angesichts der Zuspitzung der Krise um die Ukraine ein. Sein Hinweis auf wiederkehrende Muster von Aggression war historisch wohlbegründet, …“

„Als Mitglieder der Europäischen Union und des Atlantischen Bündnisses haben die Ostmitteleuropäer Anspruch auf deutsche Solidarität.“

„Was die Solidarität mit der Ukraine angeht, ist die Lage eine andere. Die Ukraine gehört der Nato nicht an, und es gibt gute Gründe, ihr eine Mitgliedschaft nicht in Aussicht zu stellen. Politische, wirtschaftliche und humanitäre Hilfe angesichts der russischen Intervention aber schuldet der Westen diesem Land durchaus. Gerade von Deutschland und den Deutschen, unter denen die Ukraine im Zweiten Weltkrieg nicht weniger, ja womöglich noch mehr gelitten hat als die Russen, wird darüber hinaus noch etwas anderes erwartet: ein Verzicht auf jede Beschönigung oder Relativierung der anhaltenden Verletzung des Völkerrechts durch Russland.“

In Polen „denkt man an die polnischen Teilungen im späten 18. Jahrhundert, an die gemeinsame Niederschlagung des polnischen Aufstands von 1863 durch Russland und Preußen, an das Streben des Chefs der Heeresleitung, General von Seeckt, nach dem Ersten Weltkrieg, im Zusammenspiel mit der Sowjetunion das selbständige Polen wieder von der Landkarte ‚verschwinden‘ zu lassen, an den Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939, durch den sich Deutschland und die Sowjetunion gegenseitig ermächtigten, in Polen einzumarschieren. Im Deutschland des Jahres 2014 ist von alledem wenig zu lesen und zu hören, um so mehr aber von der wechselseitigen Befruchtung der russischen und deutschen Kultur in besseren Zeiten.“

Aus der deutschen Schuld, insbesondere aus den Verbrechen der Nationalsozialisten, folge nicht, „dass Deutschland Menschenrechtsverletzungen und Völkerrechtsbrüche Russlands in der Gegenwart milder beurteilen müsste als die anderen westlichen Demokratien. Ein verantwortlicher Umgang mit der Geschichte zielt darauf ab, verantwortliches Handeln in der Gegenwart möglich zu machen. Diese Chance verbauen wir uns, wenn wir mit dem Unrecht, dass Deutsche zwischen 1939 und 1945 anderen Völkern angetan haben, eine deutsche Sondermoral und eine außenpolitische Sonderrolle für das Deutschland von heute zu begründen versuchen.“

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