Zur Eröffnung der Lessingtage im Hamburger Thalia-Theater hat der in Köln lebende iranischstämmige Schriftsteller Navid Kermani den neuen Terrorismus analysiert. Mit Erkenntnisgewinn, wie ich finde. Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) war einer unserer wichtigsten Aufklärer, Schriftsteller, Kritiker und Kunst-Theoretiker („Minna von Barnhelm“, „Hamburgische Dramaturgie“, „Emilia Galotti“, „Nathan der Weise“).
Kermani geht von der Einsicht aus, dass heute viele terroristische Anschläge in irreführender Weise als „feige“ bezeichnet werden, was sie seiner Meinung nach gerade nicht sind. „Ein Terrorist und im besonderen ein Selbstmordattentäter handelt
unmoralisch, ungerecht, unmenschlich und so weiter –
aber feige ist er nun gerade nicht, im Gegenteil.“
Nach Kermani haben sich z.B. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in den Augen vieler Gleichgesinnter gerade für das Vaterland geopfert. Es sei die Bereitschaft zum heroischen Selbstopfer, der jenen Grundsatz zum Äußersten treibe, der im Video des Nationalsozialistischen Untergrunds propagiert werde: „Taten statt Worte.“ Feige seien die Taten von Mundlos und Böhnhardt nur insoweit, als sie ihre Opfer aus dem Hinterhalt oder sicherer Distanz erschossen hätten. Das Beunruhigende an solcherart politischer Gewalt werde in seiner ganzen Dimension erst deutlich, „wenn man auch jene Teile ins Puzzle fügt, die so gar nicht ins Bild zu passen scheinen: die Bürgerlichkeit, Bildung und Intelligenz, die Liebenswürdigkeit und den Idealismus.“ Die Mörder schienen höhere Güter zu kennen als das Leben, auch das eigene.
„Taten statt Worte“ – das bedeute im Falle des Nationalsozialistischen Untergrunds: „nur Taten, überhaupt keine Worte“. Viele Kommentatoren habe es irritiert, dass nach keinem der Morde und Bombenanschläge
ein Bekennerschreiben
gefolgt sei, wie wir es von der „Roten Armee Fraktion“ oder den baskischen Separatisten gekannt hätten. Wahrscheinlich hätte der Nationalsozialistische Untergrund unter türkischen Einwanderern das Gefühl verbreiten wollen, „einer abstrakten, unfasslichen Macht gegenüberzustehen, als Ausländer in Deutschland zu jeder Zeit, an jedem Ort mit der Gefahr rechnen zu müssen“.
Der relativ neue Typus politischer Gewalt beziehe seine Mächtigkeit aus der Absage an den politischen Diskurs. „Seine Feindbilder sind nicht mehr auf den konkreten Staat, eine Regierung oder eine Partei bezogen, sondern auf das Herrschaftssystem, Rassen und Kulturen. So kann es für diesen Terrorismus, der weder mit der Benennung von Forderungen einhergeht, noch die Verhandlungsbereitschaft der Herrschenden herbeibomben will, keinen oder nur den totalen Sieg geben, die eigene Vernichtung oder aber die Ausschaltung, mindestens Vertreibung der gesamten Gegnerschaft, also des herrschenden Systems, der fremden Rasse, der Ungläubigen, der minderwertigen Kultur.“
Für Kermani ist Thilo Sarrazins Bucherfolg 2011 ein Menetekel. Weil dort die Überlegenheit des Eigenen und die Bedrohung durch das Fremde nicht mehr nur kulturell erklärt werde wie im Rechtspopulismus, sondern genetisch festgeschrieben wie im nationalsozialistischen Denken. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.