Friedrich der Große: auch sein eigener Propagandist und Rezensent

Friedrich der Große beschäftigt uns heute. Relevant ist gerade unsere eigene Perspektive auf den preußischen Herrscher, der am 24. Januar 300 Jahre alt wird. In der Ausgabe der „Zeit“ vom 5.1.12 sind allein elf neue oder wieder erschienene Bücher über Friedrich genannt. Dazu kommt

Jürgen Overhoff/Vanessa de Senarclens (Hrsg.): An meinen Geist. Friedrich der Große in seiner Dichtung. Eine Anthologie. Paderborn 2011, 336 Seiten.

Manches an Informationen über Friedrich mag bekannt sein wie etwa seine eklatanten Widersprüche (Menschenliebe und Menschenhass, Bescheidenheit und Ruhmsucht, Aufgeklärtheit und absolute Herrschaft, künstlerischer Feinsinn und militärische Brutalität), aktuell fügen insbesondere Andreas Kilb („Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, 22.1.12) und Reinhart Meyer-Kalkus („Süddeutsche Zeitung“, 21./22.1.12) neue Aspekte hinzu, die Friedrichs Bild genauer und besser zeichnen als viele andere Publikationen.

Friedrichs entschiedenster Lobredner, Jens Jessen, der behauptet, Friedrichs Erbe sei „helle Toleranz“, und der auf Kriegsruhm und Reformen ebenso eingeht wie auf Toleranz und Pflichterfüllung, verschweigt nicht seine Untaten: Rechtsbrüche, Willkür, Jähzorn und zynische Spottlust. Was Friedrich von anderen Herrschern besonders unterscheidet und ihn wohl zum Großen macht, ist die Tatsache, dass er ein Intellektueller war, der nicht nur Flöte spielte, sondern auch komponierte und dichtete. Das bedarf einer speziellen Bewertung am Ende.

Friedrich schaltete sich aber auch schon selber in die Propaganda ein, die über ihn gemacht wurde. Er unterwarf alle seine Fähigkeiten, das waren nicht wenige, seiner Sucht nach Ruhm und Anerkennung. Jessen schreibt: „Er leistete Bedeutendes dafür, dass jeder vor dem Gesetz gleich sei; aber im Einzelfall stellte er sich doch über das Gesetz. Er wollte gewiss den Staat, in dem jeder nach seiner Fasson selig werden konnte; aber er sorgte auch selbst dafür, dass die Fasson passte – indem er etwa einem adligen Offizier die bürgerliche Heirat untersagte.“ Jessen führt vor, dass um Friedrich alles hell war, wobei die Helligkeit manchen als bitter und kalt erschien. Jessen belegt, dass Friedrich jede Form von Rassen-, Kultur- und Religionshass explizit zurückgewiesen hat. Und er demonstriert, dass Friedrich nicht volkstümlich war. Dazu wurde er später erst von der Propaganda gemacht, insbesondere von den Deutsch-Nationalen und Nationalsozialisten. Einer seiner größten Fans war Joseph Goebbels.

Heinrich August Winkler charakterisiert Friedrich als Politiker: „Als Machtpolitiker unterschied sich Friedrich, was die Methoden anging, kaum von anderen absolutistischen Herrschern. Das gilt selbst für die verwerflichste seiner Taten, die Mitwirkung an der ersten Teilung Polens 1772. Auffallend freilich war im Fall des Preußenkönigs das krasse Missverhältnis von Risiken und Ressourcen. Friedrich setzte immer wieder alles aufs Spiel, und wurde schließlich nur durch einen historischen Zufall gerettet, das ‚Mirakel des Hauses Brandenburg‘: den Tod seiner gefährlichsten Gegnerin, der russischen Zarin Elisabeth, im Januar 1762.“

Der intellektuelle Spieler (bewundert sein Risikomanagement) und wagemutige Feldherr, der seine Truppen auf dem Schlachtfeld meistens persönlich unmittelbar führte und nicht nur aus der Etappe befahl, war wohl ein Homosexueller und nach Hans Pleschinski ein „Land- und Leuteschinder“. Pleschinski schreibt: „Dass ein reizbarer Homosexueller zum Nationalheros stlisiert werden konnte, bleibt ein hübsches Kuriosum.“

In seiner Klarheit und Kälte hat Friedrich selbst die Grausamkeit und Brutalität des Krieges nicht beschönigt. So schreibt er in einem Brief: „Unser Feldzug ist beendet; es ist hüben und drüben nichts dabei herausgekommen als der Verlust sehr vieler rechtschaffener Männer, das Elend sehr vieler armer Soldaten, die für immer Krüppel sind, der Ruin einiger Provinzen, die Verwüstung, Einäscherung verschiedener blühender Städte.“

Hinter dem Staatslenker, Diplomaten und Feldherrn verschwindet Friedrich häufig als Musiker, Komponist, politischer Theoretiker, Literaturkritiker und Dichter. Dabei sollten wir seinen „Antimachiavell“ von 1739 nicht zu ernst nehmen, wie Robert Leicht gezeigt hat. König wurde Friedrich erst 1740. Dann galten für ihn andere Gesetze, nämlich die der Machtpolitik, der Ruhmsucht und des Militärs.

Dem Kritiker, Künstler und Ästheten widmen sich Andreas Kilb und Reinhart Meyer-Kalkus kenntnisreich und illusionslos. Kilb schreibt: „Seine Rezensionen aber schrieb sich der erste Schauspieler seines Staates selbst. Seine ‚Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg‘, die ‚Geschichte des siebenjährigen Krieges‘ und die ‚Geschichte meiner Zeit‘ haben den Rahmen gezogen, in den die borussischen Historiker des neunzehnten Jahrhunderts ihr Heldenbild vom siegreichen Fridericus malten.“ In einem Pamphlet über die deutsche Literatur verwarf Friedrich z.B. die „abscheulichen Stücke“ Shakespeares. Um als absoluter Herrscher zu funktionieren, hat Friedrich das Kind in sich töten, den Künstler knebeln und den Philosophen blenden müssen. „Seine Toleranz riecht nach Verächtlichkeit (sie erstreckte sich auch auf Sodomie), sein Merkantilismus nach Planwirtschaft (die Lust seines Volkes auf importierten Kaffee bekämpfte er durch bezahlte ‚Kaffeeriecher‘, die von Tür zu Tür gingen, um Küchendüfte zu erschnüffeln), sein Rechtssinn nach Willkür (aus Parteinahme für den Müller Arnold blamierte er seine eigene Justiz). Die Tragödie dieses Königs liegt darin, dass Friedrich es besser wusste.“

Ziemlich unbekannt sind Friedrichs Dichtungen, die in einer Ausgabe von 1854 nicht weniger als 1600 Seiten umfassen. Vieles ist wohl zu Recht vergessen. Reinhart Meyer-Kalkus räumt mit einem alten Vorurteil auf: „Man spürt, dass Französisch nicht Friedrichs Muttersprache gewesen ist, sondern eine erlernte Bildungssprache, die er mit einem gewissen Respekt behandelte.“ Wie Hans-Ulrich Seifert kürzlich gezeigt habe („Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 27.12.11) sei Friedrichs die sexuellen Genüsse der Liebesvereinigung preisende Gedicht „La jouissance“ („Die Lust“) (abgedruckt in der „Zeit“ vom 18.9.11) Kennern allerdings stets bekannt gewesen. „Und warum diese Bemühtheit, ihn als ganz normalen heterosexuellen Ehemann auszuweisen, während die Eskapaden seines vagierenden Begehrens ausgeblendet werden.“

Meyer-Kalkus nimmt Friedrich den Großen als Dichter durchaus ernst. Er behauptet, dass Friedrich mit seinem Appell an Witz, Frivolität und Freigeistigkeit tatsächlich viele Züge der Berliner französischen Aufklärung bis hin zu Fontane geprägt habe „mit Resonanzen auch in der deutschen Sprachkultur und Literatur“. Es sei nur die halbe Wahrheit, seine Verskunst als zweit- oder drittrangig abzutun, und nicht zu sehen, dass sie einen privilegierten Einblick in sein Herrschaftsverständnis und seinen kulturpolitischen Wirkungswillen gewähre. Aber Meyer-Kalkus bleibt nüchtern genug, um zu bemerken: „Dieser von Herrschsucht zerfressene König kommandierte seine Muse wie seine Soldaten und wollte selbst mit Versen herrschen, wie mit allen anderen Mitteln auch, die ihm in die Hand fielen.“

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