Verständlicherweise ist 2014 sehr viel die Rede vom Ersten Weltkrieg (1914-1918) und seinen Ursachen. Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ kann wohl in ihrer Bedeutung kaum überschätzt werden. Nun hat der „Georg-Trakl-Gastprofessor“ 2013/14 an der Universität Salzburg,
Rüdiger Görner,
eine Biografie Georg Trakls veröffentlicht, der 1914 gestorben ist: „Georg Trakl. Dichter im Jahrzehnt der Extreme.“ Wien (Zsolnay), 352 S., 24,90 Euro.
Georg Trakl gehört zur frühen Moderne. Sein Rang unter den vielen außerordentlich befähigten Kollegen (u.a. Georg Heym, Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler) ist hoch. Für manche von uns mag Trakl auch erst zu entdecken sein.
Fritz J. Raddatz hat Görners Biografie außerordentlich gelobt (Literarische Welt 26.7.14). Dabei gibt er weitere Hinweise zu Trakls Dichten und zur Relevanz von Lyrik überhaupt. So gilt wohl für keinen Lyriker des 20. Jahrhunderts mehr als für Trakl Jacques Lacans Satz „Lyrik ist Wissen vom Unbewussten“. Und Trakl wird es auch überstehen, dass Martin Heidegger, der sich mit Lyrik auskannte und Gedichte häufig in seinen Vorlesungen analysiert hat, über seine Dichtung geschrieben hat: „Das lyrische Werk Trakls ist ein einziges großes Gedicht.“
Zu Trakls Lebzeiten ist nur ein einziger Gedichtband von ihm erschienen, 1913 bei Kurt Wolff in Leipzig. Auf Empfehlung Karl Kraus‘. In Ludwig von Fickers Zeitschrift „Brenner“ hat Trakl aber viele seiner Gedichte veröffentlicht. Ludwig Wittgenstein hat ihm gegen Ende seines Lebens eine Zuwendung von 20.000 Mark gemacht.
Der Apothekersohn Georg Trakl wuchs in Salzburg auf. „Trakl führte ja eine ganz bürgerliche Existenz, absolvierte geflissentlich seine Apothekerlehre, war gerne in den sprichwörtlichen Cafés mit Kameraden zusammen (wo man gelegentlich zu viel trank), besuchte die Salzburger Bordelle (der oft in der Sekundärliteratur betratschte Inzest mit seiner Schwester Grete lässt sich nicht belegen).“ In seiner Lyrik orientierte er sich wohl an Arthur Rimbaud, dessen Lyrik er im Original rezipieren konnte, weil er gut französisch sprach (die Rede ist von einem französischen Kindermädchen). Bestimmt wurde Trakls Produktion auch von Drogen (mit denen er viel Erfahrung hatte). Ein „Hauptwort“ für seine Gedichte ist deswegen „Halluzination“. Trakl diente 1910/11 als k.u.k. Sanitätsabteilungsfreiwilliger. 1912 durfte er sich „Landwehrmedikamentenakzessist“ nennen.
Trakls Lyrik ist bisweilen vom fiebrig Rauschhaften bestimmt. Schon in seinem ersten Gedicht „Die Raben“: „Über den schwarzen Winkel hasten/ Am Mittag die Raben mit hartem Schrei/ Ihr Schatten streift an der Hirschkuh vorbei/ Und manchmal sieht man sie mürrisch rasten.“ Trakl kennt die Sinnlosigkeit der Welt und scheint partiell in Todessehnsucht zu verfallen. Erlösung bietet er nicht. Vorne auf meinem Blog (bei den Gedichten) habe ich seine Gedichte „Verklärter Herbst“ und „Grodek“ abgedruckt. Görner schreibt: „Die Sprache wurde (auch) ihm eine Art Rauschmittel, ein Trance-Medium und eine Form von Autosuggestion, die ihn jedoch seiner Identität zu entfremden schien. Denn das Seltenste bei Trakl sind Ich-Gedichte.“ Für Fritz J. Raddatz waren seine Gedichte Sterne in einem Firmament ohne Hoffnung. Er habe Unvergleichliches geschaffen.
Georg Trakl musste in den Krieg ziehen. Er verrichtete die blutige Arbeit eines Sanitäters im Feldlazarett. So auch in der Schlacht bei Grodek am 13. Oktober 1914. Dem Blut und Grauen war er danach nicht mehr gewachsen. Er kam in das Krakauer Garnisonsspital „zur Beobachtung seines Geisteszustands“. Schließlich musste am 4. November 1914 ein „Suicid durch Cocainintoxication“ testiert werden.
Ich schreibe hier Georg Trakls Gedicht „Grodek“ nochmals ab:
„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder/ Von tödlichen Waffen, die goldenen Ebenen/ Und blauen Seen, darüber die Sonne/ Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht/ Sterbende Krieger, die wilde Klage/ Ihrer zerbrochenen Münder./ Doch stille sammelt im Weidengrund/ Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt,/ Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;/ Alle Straßen münden in schwarze Verwesung./ Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen/ Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,/ Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;/ Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes./ O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,/ Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,/ Die ungebornen Enkel.“