Götz Aly antwortet Hans-Ulrich Wehler.

In der FAZ vom 21. Dezember 2011 antwortet Götz Aly auf Hans-Ulrich Wehlers Kritik an seinem Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 180-1933“ (hier im Blog am 14.12.2011). Dabei geht er nicht zimperlich vor und trägt so wesentlich zur Aufklärung bei. Schon anfangs bezeichnet Aly Wehler als „Präfekt der Glaubenskongregation für ordnungsgemäße Geschichtsschreibung“. Wehler sei illiberal und könne keine anderen historiogrphischen Perspektiven dulden als seine eigenen. Aly verweist aber auch darauf, dass er, Aly, Wehlers Lehrer, Theodor Schieder, 1997 als eifrigen Nazi entlarvt habe. Wehler dagegen sähe bei Schieder nur den „zeitüblichen Honoratioren-Antisemitismus“. 

Aly jedenfalls beharrt gemeinsam mit dem israelischen Historiker Yehuda Bauer darauf, „man könne denselben geschichtlichen Vorgang mit gleichem Recht aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten“. Hier liegt eine zentrale Differenz zu Wehler.

Aly wirft Wehler vor, Geschichte unter den theoretischen Gesichtspunkten von heute zu betrachten. Dabei gehe es ihm, Wehler, um die „Schärfung eines freieren, kritischen Gemeinschaftsbewusstseins“. Aly vermutet, dass es Wehler wohl auch darum geht, dass weder sein Vorbild Theodor Schieder noch seine Verwandten noch das deutsche Volk die Grundlagen mitgeschaffen hätten, die Auschwitz ermöglichten. „Doch, der lange Weg zum Judenmord verlief zu keinem Zeitpunkt zwingend, aber er ist integraler Bestandteil der deutschen Gesellschaftsgeschichte.“

Aly betont, und dies ist wieder ein zentraler Punkt, dass er sich bemüht, den jeweils Handelnden in ihrem zeitlichen Horizont gerecht zu werden. „Ich verwende für mein Buch, das die 130 Jahre bis 1933 umspannt, ausschließlich Quellen, die von Beteiligten oder Beobachtern der jeweiligen Epoche, also von Menschen stammen, die nicht wussten, was Deutsche den Juden Europas zwischen 1933 und 1945 antun würden.“

Aly unterstreicht, dass seiner Meinung nach seit 1875 die Übergänge vom völkischen zum proletarischen Kollektivismus fließend wurden und den Antisemitismus mit sich führten. Für Aly bildeten nicht die wenigen, die lauthals „Juda verrecke!“ schrien, die Basis für 1933, sondern für ihn war ausschlaggebend „der lange eingefressene, in seinen Ausdrucksformen oft dezente, verhemmte, scheelsüchtige und dumpfe Antisemitismus, der in allen Schichten nistete“. Der ist es ja auch, der uns heute wieder zu schaffen macht (auch wenn die Zahlen dafür bei Befragungen zurückzugehen scheinen). Im Kern geht es bei dem aktuellen Antisemitismus um seine Dezenz, sein Verhemmtes, seine Scheelsüchtigkeit und Dumpfheit.

Nach Aly gelang den Juden in Deutschland nach 1812, seit sie Rechtssicherheit und Gewerbefreiheit genossen, ein überaus schneller, bewundernswerter sozialer und wirtschaftlicher Aufstieg. „Das unterschied sie von der ängstlichen, risikoscheuen und freiheitsfeindlichen Verhockheit der deutschen Mehrheitsbevölkerung.“ Juden hätten im Jahr 1900 zehnmal so oft Abitur gemacht wie Christen. Sie hätten die Klippen des sozialen Aufstiegs drei- bis viermal so schnell überwunden und im Durchschnitt ein Mehrfaches verdient. „In dieser Spannung entstanden der stille, von Sozialneid und Missgunst, vom Gefühl eigener Schwäche geprägte deutsche Judenhass oder ebenjene typische, jedoch deutliche Reserviertheit gegenüber den ‚vorlauten‘ Juden.“ Nach Aly hat es nahegelegen, „den Neid- und Sozialantisemitismus zur Rassenverleumdung weiterzuentwickeln“.

Insgesamt gesehen ist es also vor allem Alys Bereitschaft, in der Geschichtswissenschaft verschiedene Perspektiven zuzulassen, die ihn von Wehler unterscheidet. Vielleicht spielt es eine Rolle, dass in der Generation Wehlers viele akademische Lehrer Nazis gewesen waren. Aly hält ausschließlich zeitgenössische Quellen für legitim. Und er arbeitet heraus, dass es nicht der simple und platte Antisemitismus war, der Gefahren mit sich brachte, sondern gerade seine dezente und verhemmte Form und seine Scheelsüchtigkeit und Dumpfheit. Diese sind auch heute noch weit verbreitet. Aly liefert sehr gute Gründe für den „Neid“ der „Christen“ gegenüber den erfolgreicheren Juden. Gerade das Gefühl der eigenen Schwäche ist ja immer wieder, das Angst, Fremdenfeindlichkeit und Aggressivität hervorruft.

Im Ganzen erscheinen mir Alys Argumente viel besser als die von Wehler.

One Response to “Götz Aly antwortet Hans-Ulrich Wehler.”

  1. Gietinger sagt:

    Aly war mal ein sehr guter Historiker. Doch je jünger seine Bücher, umso peinlicher. Wer die Idee der Gleichheit zu denunzieren versucht und wer meint, dass „seit 1875 die Übergänge vom völkischen zum proletarischen Kollektivismus fließend wurden und den Antisemitismus mit sich führten“ den nehme ich nicht mehr ernst. Aber ehemalige Maoisten müssen eben irgendwann auf den Knien rumrutschen vor lauter Scham über ihre damaligen Missetaten. Und was kommt raus? Die Behauptung: Gleichheit als Idee fördere den Antisemitismus. Arme Französische Revolution die da erneut von einem autoritätshörigen Deutschen angepisst wird. Und dann beruft er sich auf „zeitgenössische Quellen“. Als ob die den Mist stützten, den er da verzapft. Ein verwirrter alter K-Gruppler, der sich endlich mit denen zu identifizieren wünscht, die er auch mal „antizionistisch“ bekämpft hat. Vor solchen Leuten hat Simon Wiesenthal immer gewarnt. Zu Recht.

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