626: Ulrike Herrmann: Das System Schirrmacher

Die Wirtschaftskorrespondentin der „taz“, Ulrike Herrmann, ist eine der klügsten deutschen Journalistinnen. Sie kann die häufig schwierigen Zusammenhänge des Wirtschaftslebens wirklich erklären. Dabei stützt sie sich nicht auf die üblichen Floskeln des Betriebs, sondern schreibt Klartext. Auch wer nicht in jedem Punkt ihrer Linie folgen kann, ist beeindruckt von ihrer Sachlichkeit und Darstellungsfähigkeit. Von ihr stammt das Buch

„Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen“ (Westend) 2013.

Nun hat sie sich die sich vor Lob fast überschlagenden Nachrufe auf Frank Schirrmacher vorgenommen und einer kritischen Analyse unterzogen (taz 2.7.14). Herrmann hat Schirrmachers Bestseller wirklich gelesen. Sie erkennt in ihm einen Propheten der Apokalypse und ewigen Verkünder des Untergangs des Abendlands.

„Er war keine ‚Trendsetter‘, obwohl dies oft behauptet wird. Stattdessen war Schirrmacher stets der Allerletzte, der auf einen Trend aufsprang. Dass die Menschen älter werden, war eine Binse, als Schirrmacher 2004 sein ‚Methusalem-Komplott‘ veröffentlichte. Dass weniger Kinder geboren werden, wusste auch schon jeder, als 2006 ‚Minimum‘ folgte. Und Schirrmachers ‚Payback‘ (2009) und ‚Ego‘ (2013) thematisierten eine Allmacht der Computer, die längst zum Standard in Hollywood-Thrillern gehört.“

Über „Payback“ schrieb der Blogger Sascha Lobo: „Es handelt sich um wärmende Heizdecken-Kommunikation von alten Männern für alte Männer, die sich gegenseitig bestätigen, dass früher alles besser war.“

„Schirrmacher war … zutiefst konservativ. Er wollte die Privilegien der Elite retten, zu der er sich selber zählte. Er stellte sich nur schlauer an als die anderen Besitzstandswahrer. Der Trick war so simpel wie wirkungsvoll: Da Schirrmacher stets ‚die Revolution‘ ausrief, schien eine Reform überflüssig.“

„Schirrmachers Analysen waren zwar absurd, aber dies machte ihn zum perfekten Konservativen. Wird die Welt falsch beschrieben, lässt sie sich garantiert nicht verändern.“

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