In der SZ vom 22. November äußert sich der Präsident des Zentralverbands des deutschen Handwerks, Otto Kentzler, zum deutschen Bildungssystem. Es geht um einen Vergleich des Abiturs mit dem dualen System der beruflichen Bildung in Betrieb und Schule. Im „Deutschen Qualifikationsrahmen“ soll nämlich das Abitur auf Stufe 5 (von 8 Stufen), das duale System aber nur auf Stufe 4 gesetzt werden, wenn es nach den Kultusministern der Länder geht. Kentzler ist hier ganz anderer Meinung. Er setzt sich für die gleiche Einstufung ein. Das ist sehr verständlich. „Die Abiturienten sind doch nicht besser als andere. Das ist Diskriminierung im höchsten Sinne.“
Vorsicht: hier dürfen wir uns von der Tagespolitik nicht in eine falsche Alternative hineintreiben lassen. Denn zweifellos gehört das duale System zu Deutschlands Stärken gerade auch wirtschaftlich. Und den Stand, den wir hier erreicht haben, dürfen wir auf keinen Fall auf’s Spiel setzen. Das wäre ganz falsch. Aber auch Kentzler hat bestenfalls zur Hälfte Recht, vielleicht ein bisschen weniger. Er sagt: „Das deutsche Abitur ist reine Wissensvermittlung. Gesellen sind da schon weiter.“ Ich kann nur hoffen, dass er hier in Bezug auf das Abitur nicht richtig liegt. Denn z.B. der im strikt naturwissenschaftlichen Sinne nüchterne Unterricht in Mathematik, Physik, Chemie und Biologie erzieht ja gerade auch zu einer Haltung, die den Anforderungen unserer technisch-wissenschaftlichen Welt genügt. Wer das begriffen hat, der wird nicht so leicht zum Opfer von Ideologen, die heute Esoterik und morgen etwas anderes verkündigen.
Im Sinne von Otto Kentzler dürfen die „Facharbeiter, die Deutschland stark gemacht haben“, nicht an den Pranger gestellt und der akademischen Bildung geopfert werden. Kentzler verweist darauf, dass 7 Prozent der deutschen Auszubildenden Abiturienten sind. Die würden bei der von den Kultusministern vorgesehenen Einstufung von 5 auf 4 sogar heruntergesetzt. Kentzler: “ Wir brauchen beides, berufliche Ausbildung und das Abitur. Die Welt besteht aber nicht nur aus Dichtern und Denklern. Gerade für junge Menschen aus bildungsfernen Familien sind Ausbildungen oft der richtige Weg.“ Otto Kentzler weist darauf hin, dass viele Länder unsere erfolgreiche duale Ausbildung kopieren wollen. Alle anderen europäischen Staaten hätten das Abitur auf 4 eingestuft. Die Niederlande seien mit dem Versuch gescheitert, dem Abitur die Stufe 5 zuzuweisen. Und er kann zu Recht behaupten, dass die Bundesregierung und sowohl die Gewerkschaften als auch die Arbeitgeber hinter dem Zentralverband des deutschen Handwerks stehen.
Hier ist es am Platz, einmal genauer zu überlegen, wie manche Fehlentwicklungen in Deutschland zustande gekommen sind (das tut Tanjev Schultz in der gleichen Ausgabe der SZ). Und dass manche Ratgeber wenig Weiterführendes zur Debatte beigetragen haben. So etwa die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die für PISA verantwortlich ist und nach deren Meinung wir heute noch zu wenig Abiturienten haben. Gegenwärtig macht jeder zweite Schüler eines Jahrgangs Abitur (50 Prozent). Das ist selbstverständlich mit einer Abwertung des Abiturs verbunden. 1965 machten ca. 5 Prozent eines Jahrgangs Abitur. Da gab es natürlich einen ganz anderen, nämlich viel besseren Leistungsdurchschnitt. Und ein anderes Bewusstsein. Die damaligen Abiturienten und Hochschulanfänger sahen sich nämlich als künftige Führungskräfte, die entsprechend auch für sich selbst und ihre Ausbildung Verantwortung übernahmen. Der heutige Sachbearbeiter-Typus und Lebenslauf-Optimierer erfüllt diese Anforderungen weithin nicht mehr. Auch von daher sind Otto Kentzlers Thesen zu verstehen.
Wir müssen uns einiges über den Wert bestimmter Qualifikationen möglicherweise neu überlegen. Ist es richtig, den Doktortitel grundsätzlich bei 8 einzustufen? Auch dann, wenn es sich um eine medizinische Dünnbrettbohrer-Version handelt? Hat ein belesener Handwerksmeister, der mit betriebswirtschaftlichem Geschick seinen Betrieb führt, den gleichen Level wie ein in Mathematik und Literatur beschlagener Abiturient? Oder handelt es sich hier um ganz verschiedene Wege? Formale Qualifikationen sind heute wichtiger als je zuvor. Da wollen wir natürlich schon wissen, was sie für Aussichten mit sich bringen. Für das Einkommen, für ein Stipendium, für die Chance, im Ausland zu arbeiten.
Und sind wir uns über den Wert von Bildung wirklich im Klaren? So lange wir allein auf die Nützlichkeits-Apostel hören, ist das nicht der Fall. Auf diejenigen, die den Nutzen nur in ökonomischen Kriterien erfassen wollen, die Schulzeit-Verkürzer und Bologna-Designer. Was sie anrichten, erleben wir ja gerade. Und davon ist auch Otto Kentzlers Argumentation nicht ganz frei. In einigen Fällen habe ich den Eindruck, dass hier nicht gesehen wird, dass Bildung nicht nur eine betriebs- und volkswirtschaftliche Kategorie ist. Dies ist sie auch, aber nicht in erster Linie. Hauptsächlich kommt sie dem Einzelnen selbst zugute, sie ist nicht angewiesen auf Rang und Namen, sie macht den Menschen urteilsfähig und frei. Sie lässt sich nicht pressen in Zeugnisse und Qualifikationsraster. Wie Tanjev Schultz so treffend formuliert: Bildung ist „unermesslich“.
Bei uns in Europa (und in Nordamerika), und das unterscheidet uns wahrscheinlich doch von den Verhältnissen in Asien, Afrika und Ozeanien, wo unsere aktuellen Konkurrenten sitzen, ist sie stets bezogen auf die beiden Quellen unserer Identität: die griechische Mythologie und Philosophie und das Christentum (einschließlich seiner jüdischen Wurzeln). Davon erfahren wir etwas im akademischen Studium. Insofern sind gerade die Theologie und die Philosophie wichtig. Und selbstverständlich ist die Geschichte weiter gegangen mit der Renaissance, der Reformation, der Aufklärung, der Erklärung der Menschenrechte. Wir gewinnen einen Überblick über die gewundenen Pfade unserer Geistesgeschichte. Über die vielen Konflikte und Widersprüche, die zentralen Diskurse. Und wir erwarten, dass die Leiter unserer Unternehmen, Verbände, Universitäten, ja, gerade auch unsere Politiker dies verinnerlicht haben und in ihr Handeln einfließen lassen. Das schließt ökonomische Rationalität ein (aber nicht das Vagabundieren der Finnzmärkte), bleibt dabei nicht stehen, sondern erstreckt sich auch auf soziale Gerechtigkeit und Ökologie. Und dafür bedarf es der Bildung.
In einer etwas kanonisierten Form hat Dietrich Schwanitz um die Jahrtausendwende versucht, dies in zwei Büchern komprimiert zu verbreiten:
Bildung. Alles, was man wissen muss. Frankfurt am Main 1999.
und
Die Geschichte Europas. Frankfurt am Main 2000.
Diese beiden Bücher sind auch heute noch ganz und gar lesenswert. Wir sollten sie unseren jungen Leuten empfehlen, wenn sie danach fragen. Schwanitz überzieht sein Konto nicht und bemüht sich um Lesbarkeit und äußerste Pragmatik.
Die Begeisterung, die Bildung entfachen kann, drückt Tanjev Schultz in seinem Beitrag in der SZ vom 22.11.11 treffend aus: „Wahre Bildung entzieht sich .. dem ökonomischen Kalkül. Bildung ist keine Ware, für die man einen Preis und den Profit angeben könnte. Sie ist bereichernder, als sich in Cent und Euro ausdrücken lässt. Und das Schönste ist: Bildung ist beständig. Niemand kann sie einem Menschen mehr nehmen. Das ist ein Trost in unsicheren Zeiten. Wissen kann verfallen, bestimmte Fertigkeiten können nicht mehr nachgefragt werden. Doch Bildung im Sinne von Reife und Reflexion vergeht nicht so schnell. Ihr Kurs ist fest. Bildung ist sicherer als Gold und Immobilien.“
Wir brauchen unsere Dichter und Denker also noch. Verachten und unterschätzen wir sie nicht!