593: Elisabeth Käsemann hätte 1977 wohl gerettet werden können.

Elisabeth Käsemann war 68erin. Aus dem Kreis um Rudi Dutschke. Sie war die Tochter des seinerzeit sehr bekannten Theologen Ernst Käsemann. Elisabeth Käsemann wollte die Welt verbessern. Weil das in Europa nicht so leicht möglich schien, ging sie nach Südamerika, studierte dort und arbeitet in den argentinischen Slums für die Armen. 1976 kam die Militärjunta unter General Videla an die Macht. Tausende von Menschen verschwanden. Zum Teil wissen wir heute noch nichts von ihrem Schicksal. Elisabeth Käsemann gehörte zu einem Netzwerk von Menschen, das Verfolgten die Flucht ermöglichte. 1977 wurde sie verhaftet, gefoltert und schließlich erschossen (Holger Gertz, SZ 5.6.14).

Elisabeth Käsemanns Freundin Diana Austin, eine Britin, kam, nachdem auch sie gefoltert worden war, auf Druck der britischen Regierung frei. Sie informierte bereits 1977 Amnesty International. Jetzt ist sie die Hauptzeugin in Eric Friedlers Fernsehfilm „Das Mädchen – Was geschah mit Elisabeth K.?“ (ARD, 5.6.14, 22.45 Uhr). Darin zeigt der Regisseur, dass kurz nach der Verhaftung und Folterung Elisabeth Käsemanns im Stadion La Bombonera das Fußballländerspiel zwischen Argentinien und Deutschland (1:3) stattfand. Ein Jahr vor der Fußballweltmeisterschaft. Das hätte das Auswärtige Amt nutzen können, um Elisabeth Käsemann freizubekommen. Aber nichts geschah. Auch der von Amnesty International informierte DFB unternahm nichts, und die Fußballer erfuhren von nichts.

Der gegenwärtige Boss des FC Bayern München, Karl-Heinz Rummenigee, der damals ein junger Stürmer in der deutschen Fußballnationalmannschaft war, sagt im Film: „Wenn wir gemeinsam, die Nationalmannschaft mit dem DFB und mit der deutschen Politik, da Druck gemacht hätten: Es wäre sicher möglich gewesen, dass man die Frau befreit hätte.“

Der damalige deutsche Botschafter in Argentinien, Jörg Kastl, hat im Film noch nichts begriffen. Er bleibt ganz gefangen in der Angst der späten siebziger Jahre vor der RAF und gibt Elisabeth Käsemann eine Mitschuld an ihrer Ermordung. Ein zynischer, alter, verbitterter Mann, der damals Schuld auf sich geladen hat. Inzwischen ist er gestorben. Hatte der eigentlich seine volle Pension verdient?

Der damalige Staatsminister im Auswärtigen Amt, Klaus von Dohnanyi, seinerzeit ein wichtiger Mitarbeiter von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, kommt heute zu der Einsicht: „Ich frage mich, warum ich mich selber in der Frage des Protestes nicht an den Außenminister gewandt habe. Hab ich nicht gemacht. Hätte ich machen müssen. Ich war, vermute ich mal, mit meinem Kopf in Europa und habe den Fall gar nicht weiter durchdacht oder verfolgt.“

Hans-Dietrich Genscher hat sich nicht befragen lassen.

Der Fall Elisabeth Käsemann zeigt mit aller erforderlichen Klarheit, dass ein Sport, der glaubt, unpolitisch agieren zu können, dabei manchmal Menschen opfert. Furchtbar.

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