587: Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens

Vor 25 Jahren, in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni, wurde die Demokratiebewegung in China zerschlagen. Mit Panzern auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Hunderte oder Tausende – wir wissen es noch nicht genau – Studenten, Arbeiter, Unbeteiligte wurden zermalmt, erschossen, erstochen. Das Massaker ist zum Menetekel der chinesischen Gesellschaft geworden. Es erschüttert die Welt. In China hat es die Propaganda der KP geschafft, dass es die Chinesen fast vergessen haben. Das belegt und begründet Kai Strittmatter (SZ 31.5./1.6.14).

„Das Verblüffende dabei sind nicht die Anstrengungen der Zensoren. Das Verblüffende ist: Es hat funktioniert. Man kann das. In Zeiten von Internet und sozialen Medien, in denen Chinas Türen zur Welt noch nie so offen waren wie heute, kann man einem ganzen Volk das Gehirn waschen. Es gibt junge Chinesen, intelligent und aufgeschlossen, aufgewachsen mit Smartphones und sozialen Medien, die gehen mit Mitte zwanzig ins Ausland zum Studium und hören dort zum ersten Mal von dem, was 1989 in ihrer Heimat geschah. Manche sind schockiert, andere wollen es auch dann nicht glauben, schließen sich ein in dem Gedankenkorsett, das ihnen die Partei verpasst hat.“

„Die zwangsverordnete Geschichtsvergessenheit ist nichts Neues in China: Der große Sprung nach vorne, die Kulturrevolution, die Abermillionen Toten in all diesen Kampagnen – die Partei hat Übung darin, alle paar Jahre die Historie auszulöschen und neu zu schreiben. Nach 1989 aber kam etwas hinzu: Die Führer um Deng Xiaoping boten ihrem Volk, dem städtischen zumindest, einen Deal an: Werdet reich – und haltet den Mund. Und das Volk schlug ein. Seitdem verfolgt die Partei einen beispiellosen Kurs wirtschaftlicher Öffnung bei nicht nachlassendem politischen Würgegriff. Den Kommunismus hat sie längst zu Grabe getragen, als Opium fürs Volk guckte sie sich stattdessen den Nationalismus aus, ein giftiges Pflänzlein, das sie fleißig düngt und gießt, und das seither manch wilde Blüte treibt.“

„Die KP wurde darüber zu einer der reichsten Parteien der Welt, die Familien ihrer Führer bereicherten sich schamlos, ganz vorne dabei der Clan von Li Peng, der 1989 als Premierminister das Kriegsrecht ausrief. In der Gesellschaft wichen der Idealismus, die Opferbereitschaft der Jungen von damals einem heute allgegenwärtigen Zynismus. Die moralische Krise, an der Chinas Gesellschaft leidet, der Verlust allen Vertrauens ineinander und in den Apparat, die wuchernde Korruption, die ökologische Verheerung, all das hat seine Wurzeln auch in den Weichen, die im Juni 1989 gestellt worden sind.“

„Tatsächlich ist der Triumph der Propaganda so durchschlagend, dass sie sich gelegentlich selbst ein Bein stellt. In Chengdu gelang es 2007 der Bürgerrechtlerin Chen Yunfei, eine Kleinanzeige mit einem ‚Tribut an die starken Mütter der Opfer vom 4. Juni‘ in der Zeitung unterzubringen. Als der junge Redakteur nachfragte, was das für ein Datum sei, gab er sich mit ihrer Antwort ‚ein Minenunglück‘ zufrieden. Hernach wurden er und zwei andere Kollegen gefeuert – dabei war ihre Ignoranz doch der beste Beleg für den Erfolg der staatlichen Zensuranstrengungen.“

Für uns ist China kein Modell. Genauso wenig wie Putins Russland. Und die USA brauchen wir einstweilen wegen ihrer Waffen.

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