Der Wirtschaftsprofessor Sascha Schmidt, der „Sport und Management“ lehrt, hat die deutsche Fußballnationalmannschaft erforscht. Georg Meck und Winand von Petersdorff haben ihn für die FAS (25.5.14) interviewt.
FAS: Sie haben die Nationaelf zum ökonomischen Forschungsprojekt gemacht – mit welchem Eregebnis?
Schmidt: Die Nationalelf trägt überragend zum „Branding of Nations“ bei – es besteht ein hoher Zusammenhang zwischen Fußball und Ansehen des Landes.
FAS: Am Fußball hängt der Ruf Deutschlands in der Welt?
Schmidt: Zumindest leistet er einen starken Beitrag. Deutschland hat durch den Fußball unheimlich an Renommee gewonnen, das hat mit der WM 2006, dem Sommermärchen, begonnen, seither bewegen wir uns kontinuierlich auf sehr hohem Niveau. Die Sympathiewerte sind überragend: 94 Prozent der Befragten sehen das Auftreten der Nationalelf als vorbildlich an, 40 Prozent sehen ihren Lieblingsnationalspieler gar als persönliches Vorbild – das sucht seinesgleichen.
FAS: Woher kommt diese Zuneigung?
Schmidt: Das soziale Kapital, das im Fußball entsteht, geht auf den „Birging Effect“ (basket in reflected glory) zurück: Menschen fühlen sich gerne einer sozialen Gruppe zugehörig, die erfolgreich ist und als sympathisch wahrgenommen wird. Und die Nationalelf erreicht auch Leute, die sich sonst nicht für Fußball interessieren.
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FAS: Die Bindungskraft gesellschaftlicher Institutionen schwindet, gilt das auch für den Fußball?
Schmidt: Nein, im Gegenteil. Während die anderen Großorganisationen – Parteien, Gewerkschaften, Kirchen – massiv Mitglieder verlieren, hat der Sport insgesamt Zulauf und insbesondere der Fußball: Mit dem Fußball erreichen Sie heute quasi jeden Winkel der Gesellschaft.
FAS: Unterschicht wie Elite?
Schmidt: Ja, alle, oben wie unten. An einem Samstag im Stadion treffen Sie 45.000 Menschen – und zwar aus allen Bevölkerungsschichten. Wenn man dort nebeneinandersteht, spielen Herkunft und sozialer Rang keine Rolle.
FAS: Der Fußball als klassenlose Gesellschaft?
Schmidt: Während der neunzig Minuten des Spiels trifft das zu. Danach geht man wieder getrennte Wege. Da bleiben die Unterschiede bestehen.
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