Steven Pinker zeigt, dass Gewalt und Kriege weltweit abnehmen.

Wie sehr unsere Vorurteile die Art und Weise bestimmen, wie wir die Welt wahrnehmen, zeigt sich an der internationalen Kontroverse über Steven Pinkers Buch

„Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit.“ (S. Fischer, 2011, 26 Euro).

Darin behauptet Pinker, dass die Gewalt weltweit allmählich abnimmt. Diejenigen, die möglicherweise mit den vielen Konflikten auf der Welt, auch im Alltag, nicht gut fertigwerden, empfinden sogleich Sehnsucht nach der guten alten Zeit, in der edle Wilde friedlich miteinander lebten. Sie meinen zu spüren, dass die Welt immer gewalthaltiger wird. Nicht zuletzt unter dem Einfluss der stets fortschreitenden Technik, die ihrem Vorurteil nach mehr und mehr Gewalt, Massaker, Massenmord und -totschlag nicht nur ermöglicht, sondern zwingend herbeiführt. Zu denken ist beispielsweise an Atomwaffen. Dieses Denkschema passt für Pazifisten.

Diejenigen, die mit Norbert Elias an einen „Prozess der Zivilisation“ (1939) glauben möchten, stimmen mit Pinker viel eher überein. Zwar verkennen sie nicht das moderne Vernichtungspotential, sehen aber eher die weltweiten Bemühungen, auch bei den Vereinten Nationen (UN), die Welt zu befrieden. Manchmal mit Waffengewalt. Es sind quasi die Befürworter von „kalten Kriegen“ und militärischen Interventionen mit UNO-Mandat.

Da stellt sich dann die allzu bekannte Kinderfrage: Und wer hat nun Recht? Was bietet Pinker an?

Zunächst einmal bringt er sehr viele schlagende Beispiele. Zum Beispiel über Hinrichtungsrituale des späten Mittelalters, wo der festgesetzte angebliche Täter erst halb erwürgt, dann ausgeweidet und kastriert wurde, dann zeigte man ihm, wie seine Organe verbrannt wurden, schließlich  enthauptete ihn der Henker. Es liegt auf der Hand, dass solche Praktiken mögliche Zuschauer beflügelten (und auch heute noch animieren würden) und Denunziantentum beförderten. Die Zustimmung zu solchen Praktiken war groß und rief nicht, wie (hoffentlich) viele heute empfinden, Abscheu hervor.

Besonders schwer misshandelt wurden stets Frauen. Und nicht nur solche, die als Hexen verunglimpft wurden. Nach Vergehen wie Ehebruch oder „Gotteslästerung“ schob man ihnen häufig eine sogenannte „Birne“ in die Vagina. Das ist ein zweigeteilter hölzerner Kolben mit Spitzen am Ende. Dieser wurde über einen Schraubmechanismus gespreizt und zerriss das Opfer innerlich.

Pinker beschäftigt sich ausführlich mit der Folter (das scheint angesichts von Abu Ghraib dringend geboten). Bis in die Neuzeit hinein (18. Jahrhundert) wurden Menschen häufig gequält, zerstückelt, gepfählt und verbrannt. Die Folter „war eine Form der Bestrafung, die kultiviert und gefeiert wurde, ein Ventil der technischen und künstlerischen Kreativität“. Menschen wurden an den Füßen aufgehängt und in zwei Hälften gesägt oder im Inneren eines eisernen Stiers geröstet.

Was findet Pinker nun für Gründe für die so reichliche Anwendung von Gewalt in jenen Zeiten? Er benennt im Wesentlichen fünf Hauptgründe: Gewalt als

– Mittel zum Zweck,

– Rache,

– sadistische Befriedigung,

– Mittel zur Verfolgung religiöser Ziele,

– Mittel zur Verfolgung politischer Ziele.

Nach Pinker mussten bis 1770 vor Christus Menschen in nicht-staatlichen Gesellschaften mit einer Wahrscheinlichkeit von 15 Prozent damit rechnen, einer Gewalttat zum Opfer zu fallen. Noch die heute (2011) existierenden Jäger-und-Sammler-Gesellschaften Amazoniens oder Neuguineas erreichen solche Raten. Das ist vielen von uns nicht klar. Die Mortalitätsrate in den Stammeskriegen bei den Waorani (Huaorani) im Osten Ekuadors betrug in der Zeit zwischen 1860 und 1960 44 Prozent. Unter den Yanomani in Amazonien erreicht die kriegsbedingte Mortalität 21 Prozent, bei den Abelam in Neuguinea 30 Prozent. So viel zum friedlichen Wilden. Im weltweiten Durchschnitt des 20. Jahrhunderts ist diese Wahrscheinlichkeit auf unter ein Prozent gesunken. Eine Erfolgsgschichte der Menschheit.

 Wie verträgt sich diese Erfolgsgeschichte mit den vielen inoffiziellen Kriegen der Gegenwart, mit den asymmetrischen Kriegen, ja ist diese Geschichte kompatibel mit den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts und dem in den Zweiten Weltkrieg eingebetteten Holocaust? Soll hier nicht die gegenwärtige Gewalt verharmlost werden? Nach Pinker nicht. Er widerspricht sogar der weit verbreiteten Behauptung, dass die „neuen“ Kriege 80 bis 90 Prozent zivile Opfer forderten. Davon könne keine Rede sein. Also: Pinker nimmt schon ein großes Maß an politischer Inkorrektheit in Kauf, um uns mit seinem Buch zu provozieren. Für Gutmenschen ist die Lektüre nichts.

Pinker nennt fünf Gründe, warum die Gewalt auf der Welt mehr und mehr eingedämmt wird.

1. Durch das Gewaltmopol des Staates sei die Gewalt entscheidend zurückgegangen.

2. Der weltweite Handel trage zur Befriedung bei.

3. Der zunehmende Einfluss von Frauen auf die Politik pazifiere.

4. Die Fähigkeit zur Sympathie selbst mit sehr entfernten Menschen (Fernstenliebe) sei ein Faktor der Befriedung.

5. Buchdruck und Alphabetisierung hätten die Kräfte der Aufklärung und der Vernunft so weit gestärkt, dass die alten Legenden der Gewaltrechtfertigung nicht mehr verfingen.

Ich finde, das sind starke Argumente. Und können wir nicht erkennen, dass gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert wird, dass Kinder geschlagen werden und Ehefrauen vergewaltigt. Homosexuelle bekommen mehr Rechte. Und selbst das Leid von Tieren wird heute ernster genommen als früher. Das alles macht Pinkers Thesen plausibler.

Was tragen Pinkers Gegner hauptsächlich vor? Sie stellen eine mangelnde Quellenkritik bei Pinker fest, was nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Auch lassen sich einige statistische Ungereimtheiten nicht übersehen. Und Pinkers Gegner kommen immer wieder mit dem Satz „Es gibt derzeit keine Evidenz, dass in letzter Zeit die Zahl der Kriegstoten zurückgeht.“ Das ist nicht einfach von der Hand zu weisen. Auch ist die Unübersichtlichkeit zu berücksichtigen, die dadurch entsteht, dass in den neuen bewaffneten Konflikten Zivilisten und Kombattanten vielfach nur schwer zu unterscheiden sind bzw. die Rollen wechseln.

Bei all dem liegt meines Erachtens die größere Plausibilität in der Argumentation bei Steven Pinker. Dabei sollte nicht verkannt werden, dass der „Prozess der Zivilisation“ nur die Domestizierung der Gewalt bedeutet und nicht die Beseitigung ihrer Ursachen, wo sie auch immer liegen. Der Prozess kann zu einer Tünche werden, die die Gewalt nur überdeckt. Aber es ist immer noch besser, die Gewalt zu ächten und zu bändigen, als ihr freien Lauf zu lassen. Oder sie stets als Gegengewalt zu rechtfertigen.

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