Wolf Biermann 75 Jahre alt

75 Jahre alt wird Wolf Biermann, der große, ehemals kommunistische Poet und Liedermacher der DDR. Er hat für uns überzeugend sehr lange Jahre die Vorstellung von einem Kommunismus mit menschlichem Antlitz aufrecht erhalten. Als Künstler an der Gitarre gehört er zu den Großen der Welt. 1976 wurde er nach dem weltberühmten Konzert in Köln aus der DDR entfernt. Mittlerweile hat er sich weit von seinen damaligen Vorstellungen gelöst. Sie haben sich als Illusion erwiesen.

Das hindert Biermann nicht, an seinen Vorstellungen von Menschlichkeit und menschlicher Politik festzuhalten. In Zeiten einer Finanzmarktkrise wirkt das besonders überzeugend. Evelyn Finger und Andreas Öhler haben den Poeten für die „Zeit“ interviewt. Biermann schildert darin, wie er von Manès Sperber, einem anderen großen und heute leider weithin vergessenen Renegaten, endgültig vom Kommunismus geheilt wurde. „Er war Psychologe und durchschaute sofort, dass es mit dem Kommunismus ging wie vielen in der Liebe. Wenn eine Beziehung kaputtgeht, will das Herz nicht glauben, was der Kopf schon weiß. Sperber heilte mich durch Schmeichelei. Er beschwerte sich, dass ein politischer Dummkopf wie ich so toll dichten kann. Darauf fiel ich rein. Denn auf die Eitelkeit ist immer Verlass.“

Biermann hat auch seine Einstellung gegenüber dem Christentum verändert. Er schildert, wie er auf einem Kirchentag einmal von Kurt Scharf, dem Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland, gegen Kritiker verteidigt wurde. „Wolf Biermann ist ein besserer Christ als wir! Wer an den Menschen glaubt, glaubt an Gottes Sohn.“ „Wenn ich früher einen Pfarrer traf, einen von Gottes Bodenpersonal, dann war mein Gedanke: Ach, dieser arme irrende Mensch. Heute denke ich: Hoffentlich glaubt er wenigstens an Gott. Ich habe gerade ein neues Lied geschrieben, eine Ode an Adam, wo ich mich bei Adam bedanke, dass er damals in den Apfel biss und die Erbsünde beging. Denn im Paradies würde ich vor Langeweile sterben.“

Das sagt der Mann, der einmal Sinne Heinrich Heines ein Himmelreich auf Erden errichten wollte.

Biermann sieht als seine Vorbilder weiter Bachs Musik und Luthers Sprache, obwohl er etwa Luthers Antisemitismus nicht verkennt. Der Liedermacher schildert, dass einer seiner Söhne zum Judentum konvertiert sei und in Jerusalem lebe, „wo er mit Gott Ortsgespräche führen kann“. Er selber, Wolf Biermann, sei nach dem Gesetz der jüdischen Religion ja gar kein Jude. Seine nicht-jüdische Mutter habe seinen jüdischen und von den Nazis ermordeten Vater geheiratet.

Was Biermann nicht vergessen kann, ist, dass von Stalin mehr deutsche Kommunisten umgebracht worden sind als von Hitler. „Aber wenn Hitler 64.000 Kommunisten tötete, dann tötete Stalin allein zwei Millionen kommunistische Kader. Niemand hatte in Moskau schlechtere Überlebenschancen als der, der beides war, Kommunist und Jude. Deswegen muss ich grauenhaft froh sein, dass mein Vater von den Nazis ermordet wurde und nicht von seinen eigenen Genossen.“

Biermann glaubt heute an die Liebe zu einem einzelnen Menschen, also an ein ganz privates Verhältnis. „Man braucht das Privateste, die Liebe, um sich im Streit der Welt zu behaupten. Dann kann man zwar noch totgeschlagen werden. Mehr aber auch nicht.“

Das wird vielen nicht genügen. Und sie werden es als „Lampenlicht des Privaten“ verachten. Ich aber verehre Biermann und habe stets seinen Veränderungen vertraut. Denn nur wer sich verändert, bleibt sich treu. Noch viele Jahre volle poetische Produktivität, lieber Wolf Biermann !

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