Nach der Studie „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ der Jacobs University Bremen ist der Gemeinsinn im Westen Deutschlands wesentlich stärker als im Osten (Jan Bielicki, SZ 12.5.14).
Danach sind die Menschen in den westlichen Bundesländern enger in ihre Familien- und Freundeskreise eingebunden als die Bewohner der östlichen Länder. Sie haben ein größeres Vertrauen in ihre Mitbürger und die staatlichen Institutionen. Sie halten die Gesellschaft eher für gerecht und Solidarität und Hilfsbereitschaft sind bei ihnen stärker ausgeprägt. Die Kluft zwischen West und Ost ist aktuell sogar größer, als sie unmittelbar nach der deutschen Vereinigung war. Darin kommt das Erbe der DDR heute nochmals deutlich zum Ausdruck.
Die Studie misst den gesellschaftlichen Zusammenhalt in 31 Punkten. Dabei müssen Fragen beantwortet werden wie die folgenden: Bekommen Sie Hilfe durch Freunde und Bekannte? Wie stehen Sie zu Homosexuellen als Nachbarn? Wie stark sind Sie ihrer Heimatregion verbunden? Wie groß ist Ihr Vertrauen in Justiz, Polizei und Stadtverwaltung? Haben Sie im vergangenen Jahr gespendet? Wie oft sind Sie in ihrer Freizeit ehrenamtlich tätig?
Während Schwule und Lesben inzwischen auf deutlich mehr Verständnis stoßen als noch in den Neunzigerjahren, ist die Bereitschaft zurückgegangen, Migranten die Sitten und Gebräuche ihrer Herkunftsländer pflegen zu lassen. Die Studie widerlegt die vorurteilsbehafteten Sarrazin-Thesen. Wo viele Einwanderer leben wie in Hamburg, Bremen oder Baden-Württemberg, ist der gesellschaftliche Zusammenhalt am größten. Zwar ist die Kriminalitätsrate in Städten größer als auf dem Land, doch ist der soziale Zusammenhalt dort stärker. Städter sind besser vernetzt, vertrauensvoller und gesellschaftlich stärker engagiert als auf dem Lande lebende Menschen. Stärker ist der gesellschaftliche Zusammenhalt auch dort, wo Wohlstand herrscht und wo die Menschen jünger sind.