554: FJR hat seine Exit-Strategie gefunden.

Ja, ich gestehe es. Ich habe Fritz J. Raddatz Tagebücher 2002-2012 gelesen, die 2014 erschienen sind. 692 Seiten. Und ich war überwiegend gefesselt. Wie schon von seinen Erinnerungen 2003 („Unruhestifter“) und von seinen Tagebüchern 1982-2001 (2010). Nie hat Raddatz etwas Besseres und Interessanteres geschrieben. Einmalig. Er ist nun mal neben Marcel Reich-Ranicki (MRR) unser wichtigster Feuilletonist.

Gewiss, da finde ich viel Blumen und Kerzen, Strümpfe, Anzüge, Grandhotels und Champagner, einen Jaguar oder Porsche, ich lese von Eckfried, Bernd und Gerd, seinen Langzeit-Geliebten. Ich erfahre vom Besuch in der Knabensauna mit Hubert Fichte oder warum Raddatz keine Schwanzringe benutzte. Das brauche ich alles nicht. Aber kaum jemand schreibt so begeistert und, ja, leidenschaftlich über Literatur und ihren Klatsch. Noch in seinen vielen Fehlurteilen beweist der Mann Format. Und kann einer, der Helmut Schmidt, Hellmuth Karasek und Michel Houllebecque verabscheut, ein schlechter Feuilletonist sein? Wer ein bisschen Selbstvertrauen hat, sollte Raddatz lesen.

Nun erscheint im SZ-Magazin (4.4.14) ein Interview mit Sven Michaelsen, das ich hier partiell zitiere.

SZ-Mag: Nach knapp 40 Raddatz-Büchern war der 2010 erschienene erste Band Ihrer Tagebücher der größte Kritikererfolg Ihres Lebens. Der jetzt erschienene zweite Band schließt mit der Ankündigung, nichts mehr notieren zu wollen.

FJR: Ich schreibe seit dem 31.12.2012 nicht mehr Tagebuch. Manchmal ärgere ich mich über meine eigene Entscheidung, zum Beispiel wenn das Honorar der SZ nicht kommt für meinen Artikel zum 85. Geburtstag von Joachim Kaiser. Ich musste denen schreiben wie ein Junge, der den Papa um das Taschengeld anfleht. Dann hieß es, ich müsse eine Rechnung schicken. Zumutungen dieser Art hätte ich normalerweise aufgeschrieben, um meinen Ärger zu bannen. Ein Tagebuch ist ja auch ein Jammerlappen und ein Schluchztüchlein.

SZ-Mag: Was haben Sie zuletzt aufgegeben?

FJR: Viel zu schnelle Autos zu fahren, unter anderem wegen meiner schlechten Augen. Heute fahre ich nur noch zur Apotheke und zurück, natürlich in einem Zwölfzylinder, das muss sein.

SZ-Mag: Lesen Sie noch Zeitung?

FJR: Ja, aber ganz selektiv, auch das Feuilleton. Was interessiert mich Tarantino?

SZ-Mag: „Glück ist nicht mei Sach“, schreiben Sie.

FJR: Ob man glücklich ist, ist zu 90 Prozent Veranlagung. Ich habe diese Glücksbegabung nicht. Einen Satz wie ‚Was ist das Leben schön!‘ habe ich nie sagen können. Dazu gab es dann doch zu viele Verwundungen. Wenn man meint, im Beckett-Sand zu versinken, hilft nur viel Selbstironie. … Es gibt Angenehmes, Schönes nicht. Das Alter ist ein Massaker. Da hat Philip Roth leider recht.

SZ-Mag: Der unrettbar an Krebs erkrankte Wolfgang Herrndorf notierte nach dem Kauf eines Revolvers: ‚Die gelöste Frage der Exitstrategie hat eine so durchschlagend beruhigende Wirkung auf mich, dass unklar ist, warum das nicht die Krankenkasse zahlt. Globuli ja, Bazooka nein. Schwachköpfe.‘

FJR: Ein toller Satz. Ich habe ihm daraufhin ein Kärtchen geschrieben. Man sollte den Giftbecher auf Krankenschein bekommen. Sonst zwingt man die Leute dazu, sich am Kanal eine Kugel in den Kopf zu schießen oder sich vor den Zug zu werfen – was ich dem Zugführer gegenüber ungehörig finde. Ich werde mein Ende selbst in die Hand nehmen. Ich habe eine Exitstrategie gefunden. Ich hätte keine Lust, in die Schweiz zu fahren und einer Combo von Ärzten eine Sterbeerlaubnis abzutrotzen.

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