532: Jonathan Lethems Großmutter und seine Sicht auf Berlin

Jonathan Lethem gilt als der Chronist von New York. Er sucht die DNA der Stadt, wie er sagt. Der 1964 geborene Romancier hat mit „Motherless Brooklyn“ (1999) und „Festung der Einsamkeit“ (2003) zwei beachtliche Erfolge vorgelegt. Sein neuer Roman „Der Garten der Dissidenten“ befasst sich in erster Linie mit seiner Großmutter, Rose Zimmer, einer jüdischen Opernsängerin aus Lübeck. Sie setzte sich ähnlich wie seine Mutter ihr ganzes Leben für revolutionäre politische Ideale ein und vernachlässigte Sohn und Enkel (Doris Akrap; taz 22./23.2.14).

„Ich wollte verstehen, warum meine Großmutter so war, wie sie war, so eigenwillig und hart, so unbedingt das Leben in der Stadt, die Bücher, die Freiheit, Amerika verteidigend und so gnadenlos alle Menschen verachtend, die das Leben auf dem Land besser fanden, und jeden verurteilend, der nicht so dachte wie sie.“

Lethem tritt in die Fußstapfen so großer Erzähler wie Saul Bellow und Philip Roth, die den Kampf um Selbstbehauptung und Identität säkularer Juden im New York der Nachkriegszeit zur Weltliteratur gemacht haben. „Es ist nun mal eine amerikanische Legende, dass wir die europäische Geschichte überwunden haben. Aber tatsächlich haben wir sie nur verdrängt. Sie ist immer noch mitten unter uns, macht etwas mit uns, ob wir das wollen oder nicht.“

Lethem unterrichtet als Nachfolger von David Foster Wallace Kreatives Schreiben am kalifornischen Pomona College. Zur Zeit hält er sich in Berlin auf. In seinem Urteil über die Stadt möchte er nicht beleidigend klingen und entschuldigt sich mehrmals, bevor er sagt: „Berlin ist unvollendet. Die Gegenwart der Vergangenheit ist hier so lebendig. Brutal lebendig. Unter der Haut des Alltags spüre ich sie ständig.“

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