524: Rudolf Augsteins Grab in F. J. Raddatz Tagebüchern

Fritz J. Raddatz‘ Erinnerungen („Unruhestifter“, 2003) und seine Tagebücher 1982-2001 (2010) habe ich mit großer Lust und ebensolchem Gewinn gelesen. Süffiger Klatsch, intelligente Perspektiven, ein großes Wissen und viel Feingefühl waren da zu erkennen. Einmalig in seiner Art. Auf dem Level von Marcel Reich-Ranicki, dem großen Gegenspieler. Nun erscheinen wieder Tagebücher (2002-2012) von Raddatz (720 S., bei Rowohlt; 24,95 Euro). Vorabgedruckt sind sie zum Teil in der „Literarischen Welt“ (1.3.14), die sie als „literarische Sensation“ ankündigt.

Da heißt es unter „Ostersonntag 2003“ etwa: „Gestern schockiert vor dem Grab von Rudolf Augstein in Keitum, unweit dem meinen: Es ist kein Grab, sondern eine schlecht geharkte Sandstelle, als hätte man eine Katze verscharrt. Vor dem Stein mit seinem Namen eine verpisste Primel. Kein Strauch, keine auch nur winzigste Hecke, die nach links oder rechts abgrenzt. Die Grabstelle geht nahtlos über zum nächsten Grab. Ich habe etwas derart Liebloses, ein solches Wegwerfen eines Verstorbenen noch nie in meinem Leben gesehen. Da sind nun alle diese Söhne, Halbsöhne, Töchter, Halbtöchter, Witwen, geschiedene Damen, die in ihren von ihm bezahlten Villen wohnen. Die jahrzehntelang die von ihm gekauften Nerze und Dior-Roben trugen, Limousinen und Cabriolets fuhren resp. noch fahren, die er ihnen bezahlte. Und keiner/keine von all denen fühlt sich bemüßigt, fühlt sich ‚aufgerufen‘, dem Vater, dem ehemaligen Mann eine auch nur ordentliche, ihm gemäße Ruhestätte zu schaffen (ich denke ja nicht an Nekropolen, Skulpturen, irgendwas Wichtiges, aber …).

Nun neige ausgerechnet (und nachweislich) ICH ja nicht dazu, den Mann zu überschätzen, gar ihn hochzuschätzen – aber es ist doch nicht zu leugnen, dass er seine Bedeutung in und für Nachkriegsdeutschland hatte. SO geht man mit so jemandem nicht um. (…)“

Ich merke, dass ich immer noch an den großen Männern hänge, tot oder lebend. Sie haben meine Wahrnehmung bestimmt. Und tun es heute (4.3.14) noch.

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