Volker Weidermann lese ich immer gerne. Speziell seit seinem schönen Buch „Lichtjahre“ aus dem Jahr 2006 („Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute“). Für diejenigen von uns, die keine Literaturprofessoren sind, und deswegen nicht alles gelesen haben müssen, eine wunderbare und gelungene Einführung in die deutsche Literatur der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.
Weidermann (FAS 23.2.14) beschäftigt sich mit Maxim Billers Verdikt über die deutsche Gegenwartsliteratur („Die Zeit“, 20.2.14). Das sitzt.
„Billers Analyse der deutschen Gegenwartsliteratur fällt so aus: langweilig, leblos, unehrlich, angepasst, ermüdend, irrelevant, selbstbezogen, kraftlos, provinziell. Keiner, der nicht gerade in irgendeiner Literaturjury sitzt, redet drüber. Jeder schreibt vor sich hin, von Literaturpreisen gefördert, von Stipendien zufriedengestellt. Keiner will auffallen. Keiner will durch Ungehorsam aus dem Fördersystem herausfallen. Also schreiben alle Literaturhausprosa. Beruhigungsliteratur. Egalbücher.
Die ganze Langeweile und Borniertheit begann, so Biller, mit der Vertreibung der Juden aus der deutschen Literatur. Damit das wieder anders wird, müssten die Rolle der Juden – ’scharf denken, präzise fühlen, kosmopolitisch leben‘ – heute die in Deutschland lebenden Ausländer übernehmen. All die Leute nichtdeutscher Herkunft sollten schreiben, dichten, wüten, verlegen und kritisieren, furchtlos und mutig und unangepasst nach ihrer Art. In ihrer Sprache. Mit ihrer Wut und Ehrlichkeit. So Maxim Biller.
Und er hat total recht. Und er hat total unrecht. Erstens, ja, ist der Überdruss gewaltig, auch bei mir, Leser aus Berufsgründen. Es ist irre, was für eine gigantische Zahl an Privatbüchern der literarische Subventionsbetrieb Saison für Saison hervorbringt. Und natürlich ist dieser Literaturbetrieb ein unfassbar selbstbezügliches System, in dem man sich gegenseitig applaudiert, Preise zuschanzt, dafür mit Gegenpreisen belohnt wird und so weiter. Eine gigantische, landesweite, ewige Gruppe 47, in der jeder schön seine Rolle spielt. Und Maxim Biller die Rolle des stolzen Außenseiters, der alle sieben, acht Jahre seine Kollegen anherrscht und ihnen sagt, wie sie zu schreiben haben.“
Volker Weidermann überprüft das anhand der Schriftstellerinnen und Schriftsteller Herta Müller, Terézia Mora, Feridun Zaimoglu, Katja Petrowskaja, Sascha Stanisic und Per Leo. Und gelangt zu einem anderen Ergebnis als Maxim Biller. Insbesondere Feridun Zaimoglu lobt er über den grünen Klee. Für „Kanak Sprak“, für „Leyla“ und zuletzt für „Isabell“. „Wie der Autor Zaimoglu es schafft, nach zwanzig Jahren Streicheleien durch den Betrieb, in seiner Literatur immer noch nicht dazuzugehören, authentisch, unkünstlich und direkt seine Stimme zu bewahren und diese Geschichten zu finden und zu schreiben, das ist bewundernswert. Für mich ist er der repräsentative Autor unserer Zeit. Unser Thomas Mann.“
Volker Weidermann nutzt die Gelegenheit für eine Wahrheit, die für einen Schriftsteller wie für einen Literaturkritiker ungefähr gleich bitter ist. Literatur habe in unserer Zeit einfach an Relevanz verloren. „Wir sind doch alle viel, viel zu zerstreut, im permanenten Informationstaumel vor tausend Bildschirmen des Lebens. Es braucht da gar nicht die ermüdende These der amerikanischen Fernsehserie bemüht zu werden, die angeblich den Roman ersetzt hat. Alles, alles ersetzt heute den Roman. Und es ist eher erstaunlich, was für eine große Rolle die Literatur in diesen gigantischen Textzeiten überhaupt noch spielt. Ja, auch ich hätte gerne die Diskurse, die Romane, die Feuilletons, die ganze literarische Wichtigkeit der zwanziger Jahre zurück. Aber ich fürchte, daraus wird nichts mehr werden.“