492: Von der Mediendemokratie zur Empörungsdemokratie, Liebeserklärung an das öffentlich-rechtliche Fernsehen

Markus Lanz‘ verunglücktes Interview von Sarah Wagenknecht (Die Linke) war Anlass für einen Shitstorm. Über 200 000 Unterschriften wurden für die Internet-Petition gesammelt, ihn beim ZDF zu entlassen. Das ist neu in Deutschland. Dazu hat Christian Meier den Tübinger Professor für Medienwissenschaft, Bernhard Pörksen, interviewt („Die Zeit“ 30.1.14).

Zeit: Herr Pörksen, ist Markus Lanz das Opfer einer von sich selbst berauschten Internetöffentlichkeit, eines Mobs?

Pörksen: Der Protest gegen den Moderator ist einerseits ein Protest gegen die Art seiner Gesprächsführung. Aber er ist andererseits eben auch ein verdecktes Aufbegehren gegen die Annäherung von ARD und ZDF an das Privatfernsehen. Hier offenbart sich eine neue Sehnsucht nach Beteiligung. Markus Lanz ist insofern kein zufälliges Opfer, sondern die prominente Symbolfigur einer Debatte, die im Grunde genommen schon lange geführt wird. Er steht für ein Flachland-Entertainment, das man nicht aus den eigenen Beiträgen finanziert sehen möchte.

Pörksen: … Aus meiner Sicht ist die gesamte Geschichte ein Zeichen dafür, dass wir uns im Übergang von einer Mediendemokratie zu einer Empörungsdemokratie befinden: Die Publikations- und Deutungshoheit der Leitmedien ist gebrochen: Kommunikationsprozesse verlaufen dezentral und in der instabilen Formation des Schwarms, der plötzlich attackiert. Das Publikum ist mächtig geworden, und was es in einer solchen Gemengelage braucht, sind Hermeneuten der Wut.

Pörksen: .. Man kann den Protest gegen Markus Lanz daher auch als eine verdeckte, ziemlich verdruckste Liebeserklärung an das öffentlich-rechtliche Fernsehen deuten. Und viele, die sich artikulieren, erinnern daran, dass der Geist des öffentlich-rechtlichen Fernsehens darin besteht, unabhängige, kluge, überraschende Sendungen zu produzieren. Und keine Debatte nach Drehbuch.

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