480: Uwe Johnson und die Hymne der DDR

Vor dreißig Jahren, im März 1984, wurde Uwe Johnson tot in seiner Wohnung in Shearness-on-Sea in der Themse-Mündung aufgefunden. Und vor 80 Jahren, am 20. Juli 1934, ist er in Kammin in Pommern geboren. In Anklam an der Peene und in der Barlach-Stadt Güstrow wuchs er auf. Von 1952 bis 1956 studierte er Germanistik in Rostock und Leipzig, zuletzt bei Hans Mayer. Nach dem glänzend bestandenen Examen strebte er keine feste Anstellung an, sondern lebte von „wissenschaftlicher Heimarbeit“.

Sein erster Roman

„Ingrid Babendererde“,

in dem Johnson den Skandal um die „Junge Gemeinde“ in Güstrow 1951 reflektierte, wurde vom Ost-Berliner Aufbau-Verlag abgelehnt, konnte aber auch bei Suhrkamp nicht erscheinen, weil sich der Pommer Uwe Johnson mit dem Oldenburger Peter Suhrkamp nicht darauf einigen konnte, dass es den sonderbaren Namen „Babendererde“ tatsächlich gab. Der Roman erschien 1985 post mortem bei Suhrkamp. Der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld hat gewiss die größten Verdienste um das Werk Uwe Johnsons. Es gehört zu den eigenwilligsten Schöpfungen der deutschen Literatur. Uwe Johnson war nicht, wie es wohl Günther Blöcker in der FAZ behauptet hatte, der „Dichter beider Deutschland“, sondern er war der genaueste Kenner der Verhältnisse in der Sowjetischen Besatzungszone und am Anfang der DDR. Und er war ein großer Schriftsteller.

Er mutete seinen Leserinnen und Lesern eine Menge zu. Sein neuer Roman

„Mutmaßungen über Jakob“

war neben der „Blechtrommel“ die literarische Sensation des Jahres 1959. Sein Protagonist Jakob Abs, ein Eisenbahner, wurde am Ende von einer Rangierlok überfahren. Die Fäden der Geschichte hatte der Autor so kunstvoll verschlungen, dass der Roman vielen dunkel erschien. Auf den Umschlag der Erstausgabe setzte der Verlag (Suhrkamp) vorsichtshalber eine Inhaltsangabe. Der erste Satz des Buchs „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“ wurde in der Literaturgeschichte berühmt. Vielleicht können wir von Uwe Johnson sagen, dass auch er immer quer zum Betrieb gestanden hat. Er war ein Quertreiber. Sein Roman führt die Schwierigkeiten bei der Suche nach der Wahrheit rücksichtslos vor.

„Er vergegenwärtigt die Infiltration der Politik in das Leben eines jeden Individuums im totalitären Staat von heute und zeigt das erschreckende Resultat. Alle tarnen sich und sind daher undurchschaubar. Für die Behörden, für die Machthaber? Nicht nur: sie sind undurchschaubar  für alle, mit denen sie in ihrem Alltag zu tun haben – und somit auch für den Romanautor.“ (Marcel Reich-Ranicki, FAZ 14.3.1984)

Hatte Johnson in den „Mutmaßungen“ gegen den sozialistischen Realismus rebelliert, so protestiert sein nächster Roman

„Das dritte Buch über Achim“ (1961)

gegen westliche Denkschablonen, gegen klischeehafte Vorstellungen vom Leben in der DDR. Der Journalist Karsch aus Hamburg nimmt den Auftrag eines staatlichen Verlages an, die Biografie eines dort gefeierten Radrennfahrers zu schreiben. Zugrunde lag der Geschichte das Leben des international hoch erfolgreichen Radrennfahrers Gustav-Adolf („Täve“) Schur, der tatsächlich noch als PDS-Abgeordneter (1998-2002)  im Bundestag des wieder vereinigten Deutschlands gesessen hat. Schur war mit Abstand der populärste Sportler der DDR. Und die DDR war bekanntlich der erfolgreichste Sportstaat der Welt. Legendär ist Schurs Verhalten bei der Weltmeisterschaft 1960, als er auf dem Sachsenring seinem Mannschaftskameraden Bernhard Eckstein den Sieg überließ.

„Das dritte Buch über Achim“ ist der einzig nennenswerte Roman in der deutschen Nachkriegsgeschichte der Literatur, der einen Sportler zur Hauptfigur hat. Johnson findet hier eine Sprache, die dem Radrennen und seinem Rhythmus  angemessen ist, eine ganz und gar originelle Sprache. Achim, der sich mit dem West-Journalisten anfangs gut versteht, will seine Geschichte schließlich unverbindlicher, kleinmütiger. Einen „schimärenhaften Opportunisten“ hat Uwe Johnson „Täve“ Schur später einmal genannt (Jochen Hieber, FAZ 30.6.2009).

Für Ines Geipel, die ehemalige Weltrekord-Sprinterin der DDR, die sich heute neben ihrer publizistischen Arbeit hauptsächlich für DDR-Dopingopfer einsetzt, war Uwe Johnson „die Integrität“ in Person. „Dabei dieses Norddeutsche, Karge, seine Absolutheit. Man wurde in der DDR ja immer in die Perversion der Ideologie hineingemantelt. Und Johnson hatte das immer schon erzählt.“ (Literarische Welt, 5.9.2009) „Es gibt noch immer keine wirkliche Sprache, keine wirkliche Erzählung für die DDR. Es gibt aber auch keinen gültigen Satz für die 20 Jahre nach 1989. Mir kommt der Osten ungemein elternlos vor. … Für Johnson jetzt das absolute Eldorado.“

Der DDR-Romancier Hermann Kant lud 1962 den Republikflüchtling Uwe Johnson, den er wohl heimlich bewunderte, zu einem „Colloquium“ an den Schwielow-See ein. Als Johnson abgelehnt hatte, erschien im „Neuen Deutschland“ eine Abrechnung Hermann Kants mit Uwe Johnson. „Johnsons Bücher sind gegen die DDR gerichtet. Sie sind Produkte aus Unverstand und schlechtem Gewissen. Ihre Aussage ist falsch und böse; ihr Stil spiegelt tiefe Verworrenheit, die zeitweilige Erleuchtung nicht ausschließt.“ (Der Spiegel 2/1992).

Uwe Johnson, der seit 1959 in West-Berlin lebte, hielt es für möglich, dass die Stasi ihn nach Ost-Berlin verschleppen wollte. Ein DDR-Lektor empfahl für ihn eine „Gehirnwäsche“. Und so fühlte sich der Schriftsteller zu Recht unbehaglich. Eine Krise begann sich abzuzeichnen. Johnson floh häufiger ins Ausland, nach Italien und in die USA, wo er 1967/68 auf Vermittlung der Verlegerin Helen Wolff eine Stelle als Schulbuchlektor innehatte. Hier entstand die heute weltberühmte Tetralogie der

„Jahrestage“ (1970, 1971, 1973, 1983).

Die Protagonistin Gesine Cresspahl war einst die Freundin des Eisenbahners Jakob Abs gewesen (Johnson hatte ein eigentümlich anhängliches Verhältnis zu seinen Romanfiguren). Sie wirkte nun in New York als Medium und übermittelte Uwe Johnsons Eindrücke von New York zu Zeiten des Vietnamkriegs (mit Zitaten aus der „New York Times“), gleichzeitig erzählte sie ihrer Tochter, was deren Großeltern in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in Mecklenburg erlebt hatten. Der letzte Band der „Jahrestage“ ließ auf sich warten. Johnson erlebte eine persönliche Krise, wurde herzkrank und sprach immer mehr dem Alkohol zu. Er hatte seine Frau im Verdacht, noch während ihrer Ehe eine Beziehung zu einem tschechischen Geheimdienst-Mann gehabt zu haben. Depressionen bestimmten zunehmend seine Wahrnehmungen. Johnson lebte schließlich allein in seiner Wohnung auf der Themse-Insel Shearness. Der vierte Band der „Jahrestage“ komplettierte ein episches Kunstwerk und war zugleich ein Werk der Geschichtsschreibung. Joachim Kaiser sah darin „ein Zeit-Mosaik von staunenerregender, präziser Fülle, von politisch-aufklärerischem Rang, von verhalten melancholischer Zartheit und einsamer schriftstellerischer Meisterschaft“.

Im vierten Band der „Jahrestage“ schildert Uwe Johnson etwa, dass und wie die Melodie der DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ übernommen ist von einem Song aus dem Nazi-Film „Wasser für Canitoga“ (1936), in dem Hans Albers und René Deltgen nach Noten von Peter Kreuder singen: Good-bye, Johnny (Auferstanden), Good-bye, Johnny (aus Ruinen), schön war’s mit uns zwein (Und der Zukunft zugewandt), aber leider (lass uns dir), aber leider (zum Guten dienen), kann es nun nicht mehr sein (etc.)

In seinem „Berliner Journal“ schreibt Max Frisch am 4.6.1973 über Uwe Johnson („Die Zeit“ 27.12.2013): „Er wird vierzig; es beschäftigt ihn, es verrät sich indirekt. Sein Selbstwertgefühl ist kein behagliches Selbstwertgefühl; alles andere als Arroganz (was ihm seit der Jugend vorgeworfen wird), es manifestiert sich in seinen Maßstäben, die nicht übernommen sind, sondern zu ihm gehören. Er inszeniert sich nicht auf diese oder jene Aura; er hat Format, das ihn nicht verlässt. Er braucht Alkohol, ein Mensch unter dem Überdruck seiner Gewissenhaftigkeit. Was bei Alkohol (drei oder vier Flaschen Wein im Lauf des Abends) zum Vorschein kommt, entlarvt ihn nicht; er erscheint als verwundeter, aber nicht kleiner. Seine Erscheinung, die Robustheit seines Körpers, seine Denk-Disziplin, seine enorme Sensibilität. Einiges hat damit zu tun, dass er sich für hässlich hält, nicht attraktiv für Frauen. Die Zärtlichkeit im Umgang mit seinen Roman-Gestalten. Sympathie macht ihn nie kumpelhaft, unter Umständen aber männlich-zärtlich bei einer präzisen Schamhaftigkeit. Was gefährlich werden kann: er schaltet wahnhaft, nimmt seine Assoziationen für die Aussage des andern. Und dazu sein Gedächtnis: indem er sich genauer an Nebensachen erinnert (wo man gestanden hat, wann es gewesen ist usw.) und den andern dadurch unsicher macht, befestigen sich ihm auch seine Unterstellungen, seine Interpretationen; er dichtet, er interpoliert und zwar so klug, dass ich mit meiner Erinnerung, die Lücken hat, nicht dagegen aufkomme. Ich weiß nur, dass ich es so nicht erlebt habe. Er vergrößert. Eine Bagatelle (eine Bagatelle für mich) bekommt Gewicht, oft auch Glanz; er schafft Bedeutung, die er dann durch Zitat belegt, und das Zitat mag ja stimmen. Man kommt sich vor wie eine Gestalt unter den Händen eines starken Autors, eines Dichters, der hartnäckig so tut, als rapportiere er bloß. Als er für einen Augenblick hinausgeht, verkorke ich meine Flasche, um nicht weiter zu trinken, und stelle sie hinter den Fernseher; als er wieder hereinkommt, sagt er sofort: es fehlt eine Flasche. Ein Detektiv ersten Ranges. Als ich ein Streichholz in den Aschenbecher lege, wo ein Zigarettenstummel liegt, nimmt er den Stummel weg, sagt: Ich habe Sie nicht daran erinnern wollen, dass Marianne gegen ihren Wunsch wieder raucht. Ich dachte etwas ganz anderes; aber er ist nicht abzubringen davon, dass er gesehen habe, woran ich im Augenblick gedacht habe. Er sagt: Sie haben den Kampf verloren. Welchen Kampf? Er sagt: Sie wollten nicht, dass Marianne wieder raucht, und haben einen Machtkampf daraus gemacht. Das nebenbei.“

 

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