475: Der Kulturkampf im deutschen Fußball

Das Coming-out von „Hitz, the Hammer“, wie Thomas Hitzlsperger in seiner Zeit bei Aston Villa genannt wurde, passt genau zu den Auseinandersetzungen im deutschen Fußball (Christof Kneer, SZ 9.1.14).

„Sein Coming-out platzt mutig in eine Zeit, in der sich zwei rivalisierende Fußballfraktionen gegenüberstehen, es lenkt den Blick auf jenen Kulturkampf, mit dem der deutsche Fußball seit geraumer Zeit beschäftigt ist. Selten war dieser ‚clash of cultures‘ so anschaulich zu besichtigen wie bei der WM 2010, als die Weltöffentlichkeit über eine junge deutsche Mannschaft staunte, die keinen Panzerknackerfußball mehr spielte, sondern stilvollen modernen Sport zeigte – ohne den verletzten Kapitän Michael Ballack, der für viele noch jenes urdeutsche Führungsspielersystem verkörperte, in dem junge Profis gefälligst die Wasserkisten zu schleppen und ansonsten die älteren Spieler zu bewundern haben. Die WM in Südafrika wurde allgemein als Befreiung von den alten Dämonen überhöht, was den Kulturkampf nur verschärfte: Hier eine neue Generation von Verantwortlichen und Profis, die Macho-Spieler wie Ballack noch radikaler ablehnte; auf der anderen Seite eine Retro-Fraktion aus Bundesligatrainern, Managern und Spielerberatern, die allem, was sie als neu empfanden, das Etikett ’schwul‘ aufklebten. Am Ende dieser WM erschien im ‚Spiegel‘ ein Essay, in dem der damals nur hinter vorgehaltener Hand geflüsterte Begriff von der ‚Schwulen-Combo‘ plötzlich schwarz auf weiß gedruckt stand – ein Spottname, den ein Spielerberater für die Nationalelf erfunden und genüsslich in die Branche gestreut hatte. Hitzlsperger war bei dieser WM übrigens schon kein Nationalspieler mehr.“

Mit dem Begriff „Schwulen-Combo“ soll auch Bundestrainer Joachim Löw getroffen werden (unter Nr. 465 habe ich ja schon über seine Befreiung vom Wankdorf-Fluch geschrieben). Von der Retro-Fraktion wird er wegen seines Aussehens, seines Auftretens, seiner Arbeit und seiner Erfolge gehasst. Diese Fraktion wünscht sich nichts sehnlicher als das Scheitern der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM in Brasilien. Während wir uns freuen würden, wenn Deutschland Weltmeister würde, kleiden die Retros ihre tief im Unbewussten sitzenden Hoffnungen auf ein vollständiges Scheitern in Prognose-Formeln wie „Du glaubst doch auch nicht, dass wir Weltmeister werden.“.

Was im Klartext heißt: Hoffentlich hat die Schwulen-Combo keinen Erfolg!

So emotional ist Fußball.

Das alles hat „Hitz, the Hammer“ nun zugespitzt. Ich bin ihm sehr dankbar dafür.

Die Retro-Fraktion kann ihre unterdrückte und verklemmte Aggressivität kaum bändigen. Sie ist übrigens häufig kombiniert mit Nationalismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit.

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