1268: Die Ermordung Karlrobert Kreitens 1943

Der 1990 geborene Pianist Florian Heinisch hat am 26. Juni 2016 in Heidelberg ein Konzert gespielt, das eigentlich schon am 3. Mai 1943 in der Aula der Universität Heidelberg hatte aufgeführt werden sollen. Von dem hochbegabten niederländischen Piano-Virtuosen

Karlrobert Kreiten,

geboren 1916. Kurz vor dem Konzert wurde er von der Gestapo verhaftet, vom Volksgerichtshof wegen „Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung“ zum Tode verurteilt und am 7. September 1943 mit 185 anderen Verurteilten per Fallbeil hingerichtet. Eine Mordtat der Nazis neben vielen anderen. Und doch ganz besonders verabscheuungswürdig. Kreiten war von einer Freundin seiner Mutter denunziert worden, weil er gesagt hatte, nach Stalingrad sei für die Deutschen der Zweite Weltkrieg ja wohl nicht mehr zu gewinnen.

Zu seiner Zeit galt Kreiten als hochbegabt. Er war bekannt für seine virtuosen Aufführungen. Wilhelm Furtwängler hatte ihn bewogen, in Deutschland zu bleiben, als er ein attraktives Angebot aus den USA erhalten hatte. Und Kreitens Lehrer, der chilenische Meisterpianist Claudio Arrau, der 1991 gestorben ist, sagte über ihn: „Kreiten war wahrscheinlich das größte Talent, vielleicht dieses Jahrhunderts.“ (Benno Schirrmeister, taz 24.6.16; Carolin Pirich, taz 25./26.6.16)

Von der Nazi-Presse wurde Kreitens Verhalten verurteilt. Ganz besonders vehement in einem Artikel des „Zwölfuhr-Blatts“, in dem der Verfasser schrieb: „Wie unnachsichtig jedoch mit einem Künstler verfahren wird, der statt Glauben Zweifel, statt Zuversicht Verleumdung und statt Haltung Verzweiflung stiftet, ging aus einer Meldung der letzten Tage hervor, die von der strengen Bestrafung eines ehrvergessenen Künstlers berichtete.“ Der Autor war der WDR-Fernsehdirektor Werner Höfer, der seit 1952 den „Internationalen Frühschoppen“ moderierte und bis 1987 ein relativ hohes journalistisches Ansehen besaß. Damit war es vorbei seit Harald Wiesers „Spiegel“-Beitrag „Tod eines Pianisten“ vom 14. Dezember 1987. Werner Höfer musste zurücktreten. Im deutschen Journalismus nach 1945 einer der tiefsten Einschnitte (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Die politische Kultur von 1945 bis heute in publizistischen Kontroversen. Hamburg. Zweite überarbeitete Auflage 2009, S. 62-64).

 

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