1093: Wie Kafkas kleine Schwester nach Auschwitz kam.

Franz Kafka (1883-1924) gilt bei vielen Fachleuten als der größte deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Die unzähligen wissenschaftlichen Veröffentlichungen über ihn kennt wahrscheinlich keiner. Ich als Nicht-Philologe schon gar nicht. Das letzte, was ich über Franz Kafka gelesen habe, war die Biografie des berühmten, 1932 in Prag geborenen Holocaust-Forschers Saul Friedländer, der den „Preis der Leipziger Buchmesse“ und den „Friedenspreis des deutschen Buchhandles“ erhalten hat:

Franz Kafka. München (C.H. Beck) 2012, 252 S.

Darin findet sich über Kafkas Familie nach seinem Tod 1924 fast nichts. Nun hat Anna Hájkova, eine Historikerin an der Universität von Warwick (Coventry), uns über das Leben und Sterben von Kafkas Schwestern Valli, Elli und Otilie (Ottla) ins Bild gesetzt (SZ 24.11.15). Die beiden älteren Schwestern Valli und Elli kamen 1941 ins Ghetto von Lodz und wurden 1942 in Chelmno ermordet. Kafkas Lieblingsschwester

Ottla, geb. 1892,

welche die meisten von uns aus den Briefen ihres berühmten Bruders kennen, heiratete 1920 gegen den Widerstand der beiden Familien den Nicht-Juden Josef David, einen Kollegen ihres Bruders bei der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherung. Die Familie David sah in Ottla und ihren beiden Töchtern stets nicht willkommene Jüdinnen. Im Protektorat Böhmen und Mähren machte Josef David Karriere, er wurde Generalsekretär des Krankenversicherungsverbands.

1940 reichte er die Scheidung ein. Wir wissen, dass viele „Mischehen“ nur zum Schein geschieden wurden, um den Besitz zu retten und weiter zusammen leben zu können. Niemand ahnte, dass ab Herbst 1941 die Deutschen die Juden systematisch deportieren und später ermorden würden, und dass eine Mischehe vor Deportation schützen konnte.

Ottla kam im August 1942 nach Theresienstadt und arbeitete dort überwiegend als Krankenschwester. Im August 1943 wollte Heinrich Himmler 1.200 Kinder aus dem kurz vorher liquidierten Ghetto von Bialystok, die inzwischen in Theresienstadt waren, an jüdische Hilfsorganisationen verkaufen. Diese aber brachten den Kaufpreis nicht auf. So wurde am 7. Oktober 1943 in Theresienstadt ein Transport von 1249 Menschen zusammengestellt, darunter Ottla Davidova, Kafkas Schwester, und nach Auschwitz-Birkenau transportiert. Dort wurden sie sofort in den Gaskammern ermordet.

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