Dieter Wellershoff wird 90 Jahre alt. Wir kennen ihn als Autor eines vielgestaltigen Werks von Romanen, Essays, Novellen, Gedichten und Erzählungen. Von 1959 bis 1981 war er Lektor bei Kiepenheuer & Witsch. Seine Autoren waren etwa Rolf Dieter Brinkmann, Nicolaus Born, Günter Seuren und Günter Steffens. Am Vorabend seiner Londonreise, auf der er zu Tode kam, hat Brinkmann 1975 Dieter Wellershoff besucht. Er machte damals einen „erbärmlichen Eindruck“. „Aber so war das immer bei ihm. Allmachtsphantasien wechselten sich spontan mit Minderwertigkeitsgefühlen ab. Eben noch scheinbar ein Nichts konnte er einem im nächsten Moment Schläge anbieten.“ (Peter Henning, FAS 1.11.15; Richard Kämmerlings/Marc Reichwein, Literarische Welt 31.10.15)
Für mich persönlich ist Dieter Wellershoff noch aus einem anderen Grunde wichtig. Er hatte 1952 über
Gottfried Benn
promoviert und gab dann von 1960 bis 1968 dessen „Gesammelte Werke in acht Bänden“ im Limes Verlag, Wiesbanden, bei Max Niedermayer heraus, von den Gedichten in Band 1 bis zu den autobiografischen Schriften in Band 8. Das war Benns Verlag gewesen. Ich benutze diese Ausgabe bis auf den heutigen Tag, habe sie auch für meine Benn-Lesung zum hundertsten Geburtstag des Dichters am 2. Mai 1986 verwandt.
Dieter Wellershoffs Literatur steht, seinem Jahrgang entsprechend, im Zeichen des Existentialismus. Es sind Bücher über gefährdete Existenzen in einer prekären, von Zufällen gekennzeichneten Welt. Im Jahr 2000 landete er mit dem Roman „Der Liebeswunsch“ seinen größten Erfolg. Für Marcel Reich-Ranicki war es Wellershoffs „Meisterstück“, es sei selten in unserer zeitgenössischen Literatur, „dass Liebe so vergegenwärtigt wird“. Ich musste in meinem Seminar über „Journalistische Kritik“ feststellen, dass es die meisten männlichen Teilnehmer ganz anders wahrnahmen.