847: Mangelhafte Doping-Aufarbeitung in Deutschland

In Zeiten von Olympiabewerbungen erinnern wir uns besonders ungern an das Doping in Deutschland. In der DDR und der Bundesrepublik und im vereinigten Deutschland. Die Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins (DOH), Ines Geipel, lässt aber nicht locker. Die ehemalige Weltklasse-Sprinterin wurde in der DDR selbst unwissentlich gedopt, musste ihre Karriere 1985 aus politischen Gründen beenden und floh 1989 in den Westen. Sie erreichte, dass sie aus den nationalen Rekordlisten gestrichen wurde. 2000 trat sie als Nebenklägerin im Prozess gegen die Drahtzieher des DDR-Dopingsystems auf.

Sie berichtet, dass sich inzwischen über 700 Betroffene beim DOH gemeldet haben. Der Verein rechnet mit ca. 2000 irreversiblen gesundheitlichen Schäden (Diabetes, kaputte Rücken, offene Venen, entfernte Eierstöcke, Fehlgeburten, behinderte Kinder etc.). Ines Geipel wundert sich insbesondere über die Umdeutung Robert Hartings vom Saulus zum Paulus. Vor fünf Jahren sei er noch für die Freigabe von Doping gewesen.

Johannes Aumüller hat Ines Geipel für die SZ (21./22.2.15) interviewt.

SZ: Sport und Politik verweisen darauf, dass es 2006 eine Entschädigungsrunde gab, in der etwa 200 Dopingopfer jeweils knapp 10.000 Euro erhalten haben.

Geipel: Das ist richtig. Aber 2006 waren es 194 Fälle, jetzt wissen wir von mehr als 700. Und es werden täglich mehr. Bei manchen haben sich die Schäden erst jetzt gezeigt. Bei anderen hat es gedauert, bis sie verstanden haben, was die Ursache für ihre Krankheit war. Viele Geschädigte bewegen sich auch immer noch im Sportumfeld und melden sich erst, wenn es ihnen ans Leben geht. Es wird lange geschwiegen. Aber auch für die 194, die Geld bekommen haben, hat sich die Situation in der Zwischenzeit stark verschlechtert.

SZ: Was fordern sie konkret?

Geipel: Im Prinzip geht es um drei Säulen. Zum einen um eine politische Rente als Anerkennung für das, was im DDR-Sport geschehen ist. Das zweite wäre ein Hilfsfonds für Akutfälle. …

SZ: Und was wäre die dritte Säule?

Geipel: Da geht es um den Aufbau eines Stabs von Spezialärzten. Mit Kliniken in Greifswald und Schwerin ist das vorbesprochen. …

SZ: Bei Ihnen melden sich Leute, die sagen: Wir haben noch nach 1990 Tabletten oder andere Mittel bekommen? Im gesamtdeutschen Sport?

Geipel: Ja, so ist es. Das gehört zu dem neuen Sachstand, von dem der DOSB weiß, ihn aber übergeht. Es kommt da nur eine auffällig laute Pause, wenn ich sage: Der Athlet hier war bis 2004 aktiv.

SZ: Sagen diese Athleten auch, von wem sie die Mittel bekommen haben?

Geipel: Von ihren Trainern.

SZ: Von ihren Privattrainern? Vom Mentalguru um die Ecke? Oder von ihren offiziellen, vom Sport bezahlten Trainern?

Geipel: Das waren Kaderathleten. Von ihren offiziellen Trainern.

SZ: Wie bewerten Sie denn die Aufarbeitung der DDR-Sportvergangenheit insgesamt? Erfahren Sie immer noch neue Dinge?

Geipel: Durch die Berichte der Opfer wird zunächst mal deutlich, was alles noch offen ist. Die Rolle des illegalen Forschungsinstituts FKS in Leipzig vor und nach 1989; die illegalen Menschenversuche im DDR-Sport; die Rolle der DDR-Sportmedizin, die Kontakte zur Westpharmazie. Bei uns haben sich jetzt auch häufiger Athleten gemeldet, die davon erzählten, dass sie in einer Doping-Forschungsklasse waren. Andere berichten, dass in den Achtzigern an ihnen Gendoping, Epo, Wachstumshormone ausgeforscht wurden. Sie erzählen, in welchem Turnus sie nach Leipzig ans FKS gefahren wurden und was man dort im Keller mit ihnen angestellt hat.

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