Der 1927 in Frankfurt am Main geborene Dokumentarfilmer und Regisseur
Marcel Ophüls
bekommt auf der Berlinale 2015 die „Berlinale Kamera“, mit der das Festival jedes Jahr große Persönlichkeiten des Kinos ehrt. Ophüls sehr wechselvoller Lebensweg war zunächst dadurch bestimmt, dass er mit der Familie seines weltberühmten Vaters
Max Ophüls (1902-1957)
in die Emigration gehen musste. Studiert hat er in Kalifornien und Paris. Gefördert wurde Marcel Ophüls u.a. von seinem Freund Francois Truffaut, der bereits 1984 starb. Er war Assistent u.a. bei seinem Vater, bei Anatol Litvak und John Huston. Ophüls war aber auch von 1956 bis 1959 Radio- und Fernseh-Redakteur beim Südwestfunk (SWF; heute aufgegangen im SWR).
Seit den sechziger Jahren war Ophüls ein international anerkannter Dokumentarist. Mit dem Faschismus in Europa kannte er sich aus. Sein
„Das Haus nebenan – Chronik einer französischen Stadt im Krieg“ (1969),
arbeitete Frankreichs Rolle im Zweiten Weltkrieg (Vichy Regime) heraus. Nach Ophüls‘ Film war es mit den Beschönigungen vorbei. Der Regisseur erhielt für
„Hotel Terminus: Zeit und Leben des Klaus Barbie“ (1988)
den Oscar. Vom Mauerfall erzählte sein Film
„Novembertage“ (1990).
Marcel Ophüls war kein puritanischer Dokumentarist, sondern verband die Gründlichkeit des Dokumentarischen mit der Erzählkunst des großen Filmemachers. Den Naturalisten unter seinen Dokumentarfilm-Kollegen hielt er Mangel an Fantasie und Vitalität vor. Ophüls sagte: „Ich bin weder Menschenfreund noch Gentleman. Allenfalls hoffe ich tolerant zu sein. Man muss die Leute nicht unbedingt lieben, um sich für sie zu interessieren.“ (Anke Sterneborg, SZ 29.1.15)
Nicht zuletzt galt sein Interesse seinem Vater Max Ophüls (u.a. „Liebelei“ 1932 nach Arthur Schnitzler, „Lola Montez“ 1955), einem Spezialisten für melancholische Liebesgeschichten. Ihm hat er ein Buch gewidmet:
Meines Vaters Sohn. Erinnerungen. Aus dem Französischen von Jens Rosteck. Berlin (Propyläen) 2015, 320 Seiten, 22 Euro.
Darin findet mit vielen Kommentaren, Andekdoten und Indiskretionen eine Auseinandersetzung mit der Filmgeschichte statt. Bertolt Brecht, Ernst Lubitsch, Marlene Dietrich, Frank Capra und Woody Allen haben Ophüls‘ Lebensweg gekreuzt. Und natürlich Francois Truffaut und Jean-Luc Godard. Ophüls berichtet von den Manipulationen des „Vaters des Dokumentarismus“, Robert Flaherty („Nanuk, der Eskimo“ 1922, „Moana“ 1926, „Tabu“ 1931). Der Regisseur möchte gerne einen Film über sein Idol Ernst Lubitsch drehen, dem er sich stilistisch („Lubitsch Touch“) und menschlich verbunden fühlt. Mit Jean-Luc Godard will Marcel Ophüls einen Dokumentarfilm über Palästinenser und Juden drehen. Davon wäre einiges zu erwarten.