Adonis (Ali Ahmed Said Esber) gilt als aussichtsreicher Kandidat für den Literaturnobelpreis. Der 1930 in Syrien geborene und arabisch schreibende Autor lebt seit 1985 in Paris. 1956 musste er Syrien für 20 Jahre verlassen. Adonis war Professor an der Universität Beirut. Iris Radisch hat ihn zu den Verhältnissen im Nahen Osten befragt (Die Zeit, 11.12.14).
Zeit: Die Barbarisierung durch den „Islamischen Staat“ ist .. eine Eskalation, die uns fassungslos macht. Wie ist es dazu gekommen?
Adonis: Wenn ich Ihnen das sage, werden Sie es nicht drucken.
Zeit: Warum?
Adonis: Weil es zu hart ist.
Zeit: Halten Sie sich nicht zurück.
Adonis: Europa unterstützt das. Es unterstützt Staaten, die nicht einmal eine Verfassung haben, wie Katar und Saudi-Arabien. Es unterstützt diese Regimes nicht nur, es verbeugt sich vor ihnen.
Zeit: Der Westen war zutiefst empört und überrascht, als der IS seinen Feldzug begann.
Adonis: Von wegen, das war gut organisiert. Woher hat der IS seine schweren Waffen? Wer hat Bin Laden erfunden und Al-Kaida, um die Kommunisten in Afghanistan zu schlagen?
Zeit: Das sollte ich Sie fragen.
Adonis: Amerika unterstützt die religiösen Kriege in den arabischen Ländern seit langem. Durch den Irakkrieg haben die Amerikaner den sunnitisch-schiitischen Konflikt ins Rollen gebracht, der zu entsetzlichen Massakern gehührt hat. Die Vereinigten Staaten sind Mitspieler in diesem Spiel der Stammes- und Religionskriege. 40 Länder haben sich gegen den IS verbündet, dennoch passieren dessen Waffen die Türkei. 40 Länder schaffen es nicht, einen sogenannten islamischen Staat zu schlagen. Und warum nicht? Weil sie gar kein Interesse daran haben. Das ist alles nur Theater.
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Zeit: Wann wird der Albtraum enden?
Adonis: Gar nicht. Es wird einen neuen hundertjährigen Krieg geben. Einen Krieg zwischen den Muslimen mit dem einzigen Ziel, die innere Kraft des Islams völlig zu zerstören. Der große Krieg des 21. Jahrhunderts wird ein innerarabischer Krieg sein, in dem sich die arabische Welt selbst zerfleischt und zugrunde geht.
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