Wenn eine Autorin wie Adriana Altaras, deren Buch
Doitscha. Eine jüdische Mutter packt aus. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2014, 272 S.; 18,99 Euro
überall besprochen wird, beim Bedenken des Verhältnisses der Juden und Deutschen den Begriff der „Symbiose“ verwendet (FAS 14.12.14), darf ich das auch. Ähnlich wie das Verhältnis der Deutschen war das Verhältnis der Österreicher zu den Juden. Dabei spielte Wien eine besondere Rolle.
„In keiner Stadt aber traten die das zwanzigste Jahrhundert prägenden Konflikte so scharf und so früh hervor wie in Wien. In diesem Spannungsfeld von Ost und West, von Nationalismus und Multikulturalismus entwickelte sich eine beispiellose deutsch-jüdische Kultursymbiose zugleich mit einem unter dem berüchtigten Bürgermeister Karl Lueger rapide wachsenden Antisemitismus, an dem auch die antijüdische Propaganda der katholischen Kirche Anteil hatte.“ (Friedmar Apel, FAZ 29.11.14).
Die intellektuelle und künstlerische Szene Wiens am Ende des 19. Jahrhunderts wurde von Juden dominiert wie
Peter Altenberg, Arthur Schnitzler, Richard Beer-Hofmann, Stefan Zweig, Felix Salten, Karl Kraus, Theodor Herzl, Hermann Broch, Sigmund Freud, Edmund Husserl, Arnold Schönberg, Gustav Mahler, Max Reinhardt u.a.
Von hier stammten der
Zionismus (Theodor Herzl) und
der jüdische Selbsthass (Otto Weininger).
Viele der Genannten waren Wiener mit Leib und Seele und hätten, soweit sie nicht schon gestorben waren, deshalb 1938 fast die Emigration verpasst wie Sigmund Freud. Ihnen drohte die Ermordung im Holocaust. Darüber hat Egon Schwarz ein sehr lesenswertes Buch geschrieben:
Wien und die Juden. Essays zum Fin de Siècle. München (C.H. Beck) 2014, 173 S.; 22,95 Euro.