Über Fritz Lang gibt es Bibliotheken (die ich nicht vollständig gelesen habe). Insofern wäre Norbert Grobs Buch
Fritz Lang. „Ich bin ein Augenmensch“. Die Biografie. Berlin (Propyläen), 448 S., 26 Euro
gar nicht nötig gewesen. Auch wenn darin neue Quellen ausgewertet werden. Aber die Faszination für Fritz Lang beruhte eben immer auch auf seiner Zerrissenheit und der Unklarheit, wo er politisch wohl einzuordnen wäre. Das ist bis heute so. Die Legende Fritz Lang ist Legende. Trotz der vielen Fernseh-Interviews, in denen der geborene Wiener stets etwas sarkastisch-süffisant erscheint.
Dabei kann an Langs sehr großer Bedeutung für die Filmgeschichte kein Zweifel bestehen. Das ist in seinen Filmen „Dr. Mabuse, der Spieler“ (1922), „Die Nibelungen“ (1924), „Metropolis“ (1927), „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) und „Das Testament des Dr. Mabuse“ (1933, sogleich von den Nazis verboten) zu erkennen. Aber während diejenigen, die Lang eine Nähe zum NS anhängen wollen, seine Themen (Die Nibelungen) und seine Ehe mit
Thea von Harbou
anführen, die allmählich Nationalsozialistin wurde und nicht nur in der Weimarer Republik wichtige Filme geschrieben hat, sondern auch im NS, stellen diejenigen, die Lang zum Antifaschisten stilisieren, auf seine Mabuse-Filme, seine Emigration (Lang war in den Termini der Nazis „Halbjude“) und seinen Film über die Tötung von Reinhard Heydrich in Prag „Hangmen also die “ (1943) ab. Die Zusammenarbeit an diesem Hollywood-Film mit
Bertolt Brecht
scheiterte. In Hollywood, wo er manchmal arbeitslos war, drehte Lang aber noch Filme wie „Rancho Notorious“ (1952), „The Blue Gardenia“ (1953 mit Marlene Dietrich) und „The Big Heat“ (1953 mit Glenn Ford). Seine letzten drei Filme in der Bundesrepublik 1959/60 waren teilweise Wiederaufnahmen und aus der Zeit gefallen (Alexander Kluge soll Langs Assistent gewesen sein). 1964 spielte Lang in Jean-Luc Godards „Le Mépris“ („Die Verachtung“) einen Filmregisseur, der die Odyssee verfilmen soll, also sich selbst. Wer diesen gescheiterten Film gesehen hat, vergisst nie Langs wienerisches Französisch.
Tatsächlich hatte Goebbels 1933 Lang „die Leitung des deutschen Films“ angeboten. Daraufhin verließ der Regisseur Deutschland, aber nicht in der gleichen Nacht, sondern erst nachdem er seine Konten nach Paris transferiert hatte. Wie vernünftig. Lang war ursprünglich ein unpolitischer Ästhet, der von der Architektur und (als Verehrer von Egon Schiele und Gustav Klimt) der Kunst herkam und erst von den Nazis politisch gemacht wurde. Die Linie
Von Caligari zu Hitler
war nicht so gerade, wie Siegfried Kracauer sie in seinem Buch beschrieben hat. Langs profunde Bildung erlaubte ihm manche willkommene Distanzierung. Und Langs großartige Parallelmontage in „M“, wo die Konferenz der Polizeit mit der Konferenz der Gangster zusammengeschnitten wird, ist eben vielfältig auszudeuten. Der grundlegende Topos vieler Lang-Filme ist, schuldig zu sein bei dem Anschein von Unschuld oder umgekehrt. Lang war mit
Theodor W. Adorno
befreundet, dem (mit Max Horkheimer) großen Theoretiker der „Gescheitern Aufklärung“ (1946). Und wie Erika Mann in ihrem Buch „Escape to Life“ schrieb, hing Fritz Lang mit zäher Zärtlichkeit an Deutschland, obwohl er ein Emigrant mit Leib und Seele war und sich auch Amerika zugehörig fühlte (Dietmar Dath, FAZ 29.11.14; Fritz Göttler, SZ 2.12.14; Peter Körte, FAS 7.12.14).