764: Karl Kraus hat Heinrich Heine gehasst.

Vorne auf diesem Blog bei den Gedichten stehen 36 von Heinrich Heine (1797-1856). Da können Sie sich vorstellen, wie mein Verhältnis zu Karl Kraus (1874-1936) ist. Dabei kann ich überhaupt nicht bestreiten, dass Kraus hohe Verdienste um eine fundierte Kritik am Journalismus hat. In seinem Aufsatz „Heine und die Folgen“ aber erweist er sich als verbitterter Kritiker von Heine. Er kann dessen Leichtigkeit und Ironie nicht ertragen. Wie Heine das Triviale neben das Erhabene stellt. Kraus schreibt, Heine habe „der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert, dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können“. Heine ist für Kraus, den österreichischen Gründler, zu süßlich, zu spielerisch, zu charmant, fast ein französischer Bruder Leichtfuß. Von ihm stamme ja auch das

Feuilleton.

„Das ist die Franzosenkrankheit, die er uns eingschleppt hat. Wie leicht wird man krank in Paris! Wie lockert sich die Moral des deutschen Sprachgefühls!“ Ja, die Moral, damit hat es Kraus.

Daran denken wir, wenn wir vom „Kraus-Projekt“ des großartigen US-amerikanischen Romanciers Jonathan Frenzen hören. Nun haben sich zwei sehr kundige und angesehene deutsche Journalisten, Niklas Maak und Volker Weidermann, gegen Kraus gestellt (FAS 7.12.14). „Das ist das Kraus-Gift, dass alle seine Verehrer so magisch anzieht: Schreiben im Modus des Verdachts, des Misstrauens, des Schnüffelns nach Fehlern, statt frei heraus das Schöne zu lieben.“

In Heines Gedicht über das vom Sonnenuntergang entzückte Fräulein erkenne Karl Kraus „Heines Zynismus“. „Mein Fräulein, sein sie munter/Das ist ein altes Stück/Hier vorne geht sie unter/Und kehrt von hinten zurück.“ (vgl. vorne im Blog). Karl Kraus hat Heinrich Heine wahrscheinlich beneidet um seine Schreibkunst.

Maak und Weidermann schreiben sehr zu Recht über die Wirkung von Journalismus: „Aufklärerisch haben viele andere gewirkt. Man kann Zolas ‚J’accuse‘ lesen, man kann Heines oder Tucholskys kluge, warmherzige, nicht minder scharfe Satiren lieben, die Kraus vor allem einen Humor voraushaben, der den Menschen nicht verlorengegeben hat.“

Ein Schriftsteller ist dort am besten, wo er dicht am Journalismus steht. Von Heine bis Hemingway.

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