730: Berliner Salons als Modelle für demokratische Öffentlichkeit

Es ist vielleicht doch kein Zufall, dass es in Preußen um die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert, in der Zeit der napoleonischen Besatzung und danach während des Beginns der preußischen Reformen die Salons jüdischer Frauen waren, in denen am freiesten politisch diskutiert wurde. Die Gastgeberinnen waren

Henriette Herz (1764-1847), Dorothea Schlegel (1764-1839) und Rahel Varnhagen (1771-1833).

Bei ihnen traf sich die geistige Elite, darunter auch nicht besonders vermögende Männer, mit Politikern, Verwaltungsbeamten und Offizieren bis hin zum Kronprinzen. Der aufklärerische Geist Gotthold Ephraim Lessings (1729-1781) und Moses Mendelssohns (des Vaters von Dorothea Schlegel) (1729-1786) war der Humus, auf dem sich die

deutsche Romantik

ganz eigenständig entwickeln konnte. Bis hin zu Friedrich Schlegel (1772-1829), auch wenn dieser am Ende in Diensten Metternichs das aufklärerische Denken verließ. In den Salons zählten nicht die Herkunft, das Vermögen, die politische Macht, sondern das Argument. Leider ging dieser freie und beflügelnde Geist im

„Vormärz“

vom Wiener Kongress (1814/15) bis zum März 1848 wieder unter und blieb in Deutschland lange Zeit ohne Wirkung.

Die große Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt (1906-1975) hat sich in ihrer Habilitation Rahel Varnhagen gewidmet: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik. (1938) Vorher hatte sie in ihrer Dissertation den „Liebesbegriff bei Augustinus“ (1929) reflektiert. Dessen sollten wir uns wohl bewusst sein.

Die Journalistin Carola Stern (1925-2006) hat zwei Bücher über die preußischen Salons geschrieben:“Ich möchte mir Flügel wünschen.“ Das Leben der Dorothea Schlegel. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1990 und „Der Text meines Herzens. Das Leben der Rahel Varnhagen.“ Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1994.

Ich bin mir wohlbewusst, dass die „deutsch-jüdische Symbiose“ durch den Holocaust endgültig dementiert worden ist. Aber vielleicht dürfen wir uns an diese Idee in der Gegenwart erinnern.

 

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