Ex-Außenminister Joschka Fischer (Grüne) analysiert die Schwäche der EU. Dazu wird er von Ines Pohl und Martin Reeh für die taz (1./2.11.14) befragt.
taz: Hängt die Schwäche der EU im Nahen Osten und der Ukraine mit der inneren Krise der EU zusammen?
Fischer: Nicht so direkt. Aber unsere innere Schwäche lädt andere, Putin etwa, zu falschen Rückschlüssen ein.
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taz: Wie erklären Sie sich das große Verständnis für Putin gerade in Deutschland?
Fischer: Das findet man links und rechts. Und je näher man hinschaut, desto mehr kommen zwei Dinge zum Vorschein: Das eine sind deutschnationale Positionen, der alte Traum des Bündnisses mit Russland, sozusagen deutsche Organisationskraft und Produktqualität verbunden mit russischer Macht und Rohstoffen. Es ist ein Traum, der von der konservativen Rechten in Preußen des 19. Jahrhunderts geträumt wurde, dann auch in der Weimarer Republik. Auf der Linken spielt immer noch eine Verbundenheit mit der Sowjetunion eine Rolle. Und beide Positionen, links wie rechts, haben einen starken Antiamerikanismus gemeinsam. Was an Putin eigentlich gut gefunden wird, ist: Der zeigt es den Amis. Mich hat die breite Zustimmung dazu erschreckt.
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taz: War es ein Fehler des Westens, nicht in Syrien zu intervenieren?
Fischer: Syrien ist für mich, leider, das Beispiel, wohin Nichtintervention führen kann: in ein endloses Desaster. Ja, es war ein Fehler, nicht zu intervenieren. Ich habe es bei vielen Reisen mitbekommen, wie das Verhalten von Präsident Obama interpretiert wurde, zunächst eine rote Linie zu ziehen, dann aber keine Konsequenzen daraus folgen zu lassen. Es entstand der Eindruck, die USA ziehen sich zurück. Und wir sehen nun das Resultat, wir werden Zeugen eines unglaublichen Chaos, das auf dem Rücken vieler unschuldiger Menschen ausgetragen wird, es geschehen furchtbare Grausamkeiten, uralte Kulturen werden zerstört.
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taz: Also bleiben einerseits weiterhin heftige Imperialismusvorwürfe und auf der anderen Seite der Ruf nach den USA als Weltenretter?
Fischer: Das war immer so. Und man musste die Politik der USA auch oft und immer wieder kritisieren, denn nicht nur die Vietnam-Opposition war richtig. Aber diese grundsätzliche Ablehnung der Vereinigten Staaten – Antiamerikanismus also! – kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Unsere Sicherheit lebt von der amerikanischen Sicherheitsgarantie. …