668: H.A. Winkler über Sozialdemokratie und Sozialismus

H.A. Winkler, der bekannte Historiker, kennt sich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung aus. Ralph Bollmann hat ihn für die FAS (7.9.14) interviewt.

FAS: Der Soziologe Ralph Dahrendorf sprach vom Ende des sozialdemokratischen Zeitalters. Die These teilen Sie nicht?

Winkler: Wir haben in den letzten Jahren eine Sozialdemokratisierung konservativer Parteien erlebt. Natürlich sind traditionalistische Linksparteien, die sich den Herausforderungen der Gegenwart verweigern, zur Auszehrung verurteilt. Aber eine lernfähige Sozialdemokratie hat durchaus die Chance, wieder stärkste Partei zu werden. Die Agenda 2010 hat bei allen Fehlern im  Detail gezeigt, dass die deutsche Sozialdemokratie dazu fähig ist. Es gibt weitere Beispiele, etwa in den Niederlanden, Schweden oder Dänemark.

FAS: Mit Wahlerfolgen war das nicht überall verbunden.

Winkler: Natürlich nicht. Ein Teil der eigenen Klientel tut sich schwer mit dieser notwendigen Anpassung. Aber wenn der Lernprozess ausbleibt, werden die Probleme nur größer. Schauen Sie nach Frankreich: Die dortigen Sozialisten erlebten nie eine programmatische Revision wie die SPD, die sich 1959 in Godesberg mit der Marktwirtschaft aussöhnte. In Frankreich sehen viele Parteimitglieder in jeder Form von Stabilitätspolitik eine Sünde gegen den Geist der Tradition. Damit hat der Staatspräsident nun zu kämpfen.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.