633: „Der Profifußball ist Firmen weit voraus.“

Wolfgang Jenewein ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen in der Schweiz. Er beschäftigt sich seit 15 Jahren mit Hochleistungsteams im Sport. Aus dem Sport zieht er Lehren für das Führen von Unternehmen. Für die SZ hat ihn Harald Freiberger interviewt (12./13.7.14)

SZ: Gibt es .. Erkenntnisse aus der WM?

Jenewein: Bei guten Mannschaften sind komplexe, voll vernetzte, multivariable Systeme am Werk. Es ist die Intelligenz des Schwarms, die Weisheit der Vielen. In der Management-Forschung kennt man das schon seit den 1960er-Jahren: Bei komplexen Problemen helfen nur Komplexität, Variabilität und Vielfalt. Der Verteidiger spielt im Mittelfeld, der Mittelfeldspieler in der Innenverteidigung, der Innenverteidiger ist rechter Außenverteidiger. Man baut Vielfalt auf, um den Gegner zu verwirren, geht neue Wege, um Probleme zu lösen. Es gibt nicht mehr die großen Einzelkönner, die Peles, Beckenbauers oder Maradonas. Früher gaben einzelne Platzhirsche den Takt auf dem Spielfeld vor, heute spielt ein ganzes Orchester zusammen.

SZ: Meinen Sie, dass Spitzentrainer .. weiter sind als die Spitzenmanager?

Jenewein: Der Profi-Fußball ist Firmen weit voraus – um Jahre in Sachen Führung und Kultur. Man sieht es schon daran, dass es im Fußball keine Spielertrainer mehr gibt. Es bringt nichts, wenn der Trainer selbst mitspielt. Er soll sich auf das eigentliche Führen konzentrieren: entwickeln, coachen, inspirieren, motivieren, Konflikte lösen.

SZ: Viele deutsche Tore sind aus Standardsituationen gefallen, die bei Löw früher verpönt waren.

Jenewein: Er und Co-Trainer Hansi Flick haben die Spieler sogar selbst Ideen für Standardsituationen entwickeln lassen. Das ist inspirierend und intellektuell anregend. Die trainieren ganz anders, als wenn der Trainer zehn Vorgaben macht. Das zeigt, wie weit der Fußball heute ist.

 

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