Die deutsche Jugendbewegung des 20. Jahrhunderts eignet sich zur positiven Legendenbildung. 1913 Treffen auf dem Hohen Meißner. Einsatz für eine selbstbestimmte Jugendkultur. Etc. „Wandervögel“ haben etwas Romantisches. Nun konnte es Kundigen nicht verborgen geblieben sein, dass es für den „völkischen“ Teil der Jugendbewegung einen direkten Weg in die HJ gab. Michael Wildt hat mit seiner Studie
„Generation des Unbedingten“
gezeigt, wie sehr sich das mörderische Personal des Reichssicherheitshauptamts aus der „völkischen“ Jugend rekrutierte.
Der Dresdener Pädagoge Christian Niemeyer hat jetzt mit
„Die dunklen Seiten der Jugendbewegung. Vom Wandervogel zur Hitlerjugend.“ Tübingen (Francke) 2013, 272 Seiten, 29,90 Euro,
belegt, dass es eine weitgehende Kontinuität von der Jugendbewegung zur Nazi-Jugend gab (Micha Brumlik, taz 17.6.14). Die Reformpädagogik, wie sie in der Odenwaldschule erscheint, stammt ebenfalls aus der Jugendbewegung. Und in großem Ausmaß haben die meist männlichen Jugendbewegten nach 1945 viele Pädagogen, Professoren, Publizisten und Politiker gestellt.
Ich war selbst von 1958 bis 1964 in der Jugendbewegung der Bundesrepublik. Im Bund deutscher Pfadfinder (BDP), dem konfessionell nicht gebundenen Pfadfinderbund neben der protestantischen Christlichen Pfadfinderschaft (CP) und der katholischen Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG). Dort wurde die Tradition der Jugendbewegung gepflegt, obwohl die Gründungsgeschichte von Lord Robert Baden-Powell erzählt wurde, dem britischen Offizier, der seine kolonialen Erfahrungen zur Gründung der Boy Scouts genutzt hatte. Dadurch erschienen die Pfadfinder auch „westlich“. Wir haben uns bei den Wochenend-Camps, den Geländespielen, dem Singen, dem Sport und den „großen Fahrten“ trefflich amüsiert.
Heute sehe ich die Pfadfinder skeptisch, obwohl ihre „Weltanschauung“ neuerdings ökologisch akzentuiert wird.