601: Freuds Patienten träumten vom Kaiser.

Christopher Clarks Buch „Die Schlafwandler“ über den Ersten Weltkrieg hat die Perspektiven verschoben. Während vorher unter Fritz Fischers These vom deutschen „Griff nach der Weltmacht“ eine deutsche Alleinschuld angenommen wurde, legt Clarks Buch ein allgemeines Versagen der europäischen Mächte vor 1914 nahe. Ein fulminanter Meinungsstreit ist entbrannt. Während Herfried Münkler Fischers Methodik kritisiert (vgl. hier 470), lässt Hans-Ulrich Wehler kein gutes Haar an Clarks Erkenntnissen. Clark ist von Michael Martens für die FAS (15.6.14) interviewt worden.

FAS: Über den österreichischen Kaiser Franz Joseph schreiben Sie einen schönen, für ein Sachbuch aber gewagten Satz: ‚Er tauchte regelmäßig in den Träumen seiner Untertanen auf.‘ Woher weiß Christopher Clark, wovon die Österreicher vor hundert Jahren träumten?

Clark: Das ist belegt. Freuds Patienten berichten oft von Kaiserträumen, und es gibt viele weitere Quellen. So wie Engländer von der Queen träumen. Ich habe schon mehrfach von der Queen geträumt. Passiert Ihnen so etwas nicht?

FAS: War Fischer ein schlechter Historiker?

Clark: Überhaupt nicht. Er war ein redlicher und kluger Historiker, aber er arbeitete natürlich unter dem Eindruck seiner persönlichen Vergangenheit als zeitweiliger Unterstützer der NS-Herrschaft. Deshalb war er sensibilisiert für die deutsche Geschichte. Vergangenheitsbewältigung war für ihn nichts Abstraktes, es hatte eine starke persönliche Dimension. Er war sich der ungeheuren Kriminalität des NS-Regimes bewusst und verstand durch seine eigene Biografie, dass ein großer Teil der Deutschen diese Verbrechen als Mitläufer und Mittäter mitgetragen hatte. …

FAS: Aber woran liegt es, dass Ihr Buch in Deutschland erfolgreicher ist als in jedem europäischen Land?

Clark: Es kann sein, dass das Buch in Deutschland von einem Teil der Leserschaft als Entlastung von historischer Verantwortung gelesen wird. Das wäre ein Missverständnis, denn so ist es nicht gemeint. Aber auch das aufrichtige Interesse der deutschen Leser an einer europäischen Darstellung darf nicht unterschätzt werden. Das Interesse an europäischen Zusammenhängen in Deutschland ist echt, es ist mehr als nur das Bedürfnis einer Entlastung in der Schuldfrage.

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