Angesichts der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland melden sich nun viele Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler zu dem Konflikt zu Wort. Die weitaus meisten von ihnen beschwören den Frieden und mahnen dazu, mit diplomatischen Mitteln und in Gesprächen zu einer dauerhaften Lösung zu kommen. Das ist zumindest weit besser als das Verhalten vieler Schriftsteller, Intellektueller und Künstler 1914. Seinerzeit hetzten die meisten zum Krieg.
So sympathisch die Einwürfe sind, ändert das nichts daran, dass es ihnen an analytischer Schärfe fehlt. Diese ist vorhanden in der „Außenansicht“ Joschka Fischers (SZ 29./30.3.14). „Lange, viel zu lange ist der Westen Illusionen über Putins Russland aufgesessen. Diese Illusionen sind jetzt auf der Krim zerplatzt. Dabei hätte man es schon seit Langem besser wissen können, ja müssen. Denn Wladimir Putin verfolgt seit seiner ersten Amtszeit als russischer Präsident die Wiedererlangung des Weltmachtstatus für Russland als sein strategisches Ziel. Dazu benutzt er die Energieexporte, um die mit dem Ende der Sowjetunion verloren gegangenen Gebiete nach und nach zurückzuholen. Im Zentrum dieser Strategie stand und steht die Ukraine, denn ohne diese ist sein Ziel nicht zu erreichen. Es geht also keineswegs nur um die Krim. Das nächste Ziel Wladimir Putins ist die Ostukraine – und damit verbunden die anhaltende Destabilisierung der gesamten Ukraine.
Vor unseren Augen vollzieht sich der Umsturz der postsowjetischen Staatenordnung in Osteuropa, am Kaukasus und in Zentralasien. Großmachtpolitik sowie das Denken in Einflusszonen und den machtpolitischen Spielen des 19. Jahrhunderts drohen das Selbstbestimmungsrecht der Völker, die Unverletzlichkeit der Grenzen, die Herrschaft des Rechts und demokratische Grundprinzipien abzulösen. Dieser Umsturz wird tiefgreifende Auswirkungen auf Europa und die europäisch-russischen Beziehungen haben. Er wird darüber entscheiden, nach welchen Regeln die Staaten und Völker auf dem europäischen Kontinent in Zukunft leben werden: nach denen des 19. oder des 21. Jahrhunderts? Wer meint, sich dieser Entwicklung anpassen zu können, wie die Putin-Versteher im Westen, der wird nicht zum Frieden, sondern zu einer Eskalation der Krise beitragen. Sanftheit wird in Moskau als Ermutigung begriffen.“
Fischer macht klar, dass in Osteuropa ein strategischer Grundsatzkonflikt programmiert ist. Probleme bereiten Russland die fehlende innere (demokratische) Modernisierung und China im Osten. Europa werde seine Energieabhängigkeit von Russland verringern. „Eine Reduktion der europäischen Nachfrage in Verbindung mit einem Ölpreis, der die Finanzierung von Russlands Staatshaushalt in Frage stellt, könnte Moskau schnell große Probleme bereiten.“
Die Sowjetunion ist 1990/91 nicht am Westen zugrunde gegangen, sondern an einer Sezessionswelle von Nationalitäten und Minderheiten, welche die Gelegenheit nutzten, um aus dem sowjetischen „Völkergefängnis“ auszubrechen und unabhängig zu werden. Putin hat vermutlich seine Karten überreizt. Allerdings ist eine weitere Desintegration Russlands eine bedrückende Aussicht.
Die EU ist keine bloße Wirtschaftsgemeinschaft, sondern ein machtpolitischer Akteur, der seine Macht auch nützen muss. Die Nato bekommt mit dem norwegischen Sozialdemokraten Jens Stoltenberg einen neuen Generalsekretär, von dem eine kluge Führung erwartet werden kann. So muss der Nato-Partner Türkei davon abgehalten werden, Syrien anzugreifen. Davon dass die Nato überflüssig wäre, kann keine Rede sein. Das glauben nur friedenspolitische Illusionisten und westeuropäische Kommunisten. „Die EU-Erweiterung ist .. ein notwendiger Bestandteil der Sicherheit der Europäischen Union. Sie ist ihr entscheidendes Zeichen nach außen hin, ihr Beitrag zur Geopolitik.“
„Tatsächlich ist die Nato Putins Russland entgegengekommen, als sie 2008 darauf verzichtete, nach den Balten weitere Staaten aus der Erbmasse des Staates Sowjetunion aufzunehmen, etwa die Ukraine und Georgien. Politisch war das eigentlich vernünftig. Nur genutzt hat es nicht.“ (Joachim Käppner, SZ 29./30.3.14)
„Die EU als Friedensprojekt galt als hoffnungslos von vorgestern. Nun hat Wladimir Putin dafür gesorgt, dass sich die Realität im Bewusstsein Europas zurückgemeldet hat. Und damit auch die Frage des Friedens auf dem europäischen Kontinent: Ihn kann nur ein vereinigtes und starkes Europa bewahren.“