548: „Baal“ von Brecht/ein Film von Schlöndorff/WDR 1970/schon der komplette Fassbinder

Den Film habe ich damals im Fernsehen gesehen. War begeistert. Traute aber meiner Begeisterung nicht. Traue ich ihr heute? Der Bann der Brecht-Erben gegen den Film konnte gebrochen werden. Er wurde restauriert und 2014 auf der Berlinale gezeigt (Fritz Göttler, SZ 25.3.14).

Nachdem 1962 im „Oberhausener Manifest“ Papas Kino für tot erklärt worden war, gab es einen Aufbruch im deutschen Film (u.a. Alexander Kluge, Edgar Reitz, Volker Schlöndorff). Dessen Schwung drohte Ende der sechziger Jahre zu erlahmen. Da kam Schlöndorffs „Baal“ gerade richtig. Produziert vom WDR.

„Baal“, Deutschland 1970 – Buch, Regie: Volker Schlöndorff. Nach dem Stück von Bertolt Brecht. Kamera: Dietrich Lohmann. Musik: Klaus Doldinger. Mit: Rainer Werner Fassbinder, Sigi Graue, Margarethe von Trotta, Günther Neutze, Miriam Spoerri, Marian Seidowsky, Irmgard Paulis. 87 min.

„Schlöndorff war ein Opfer seiner eigenen Rasanz in den Sechzigern geworden – der internationale Erfolg mit dem ‚Jungen Törless‘, danach mit ‚Mord und Totschlag‘ in Cannes, schließlich eine Verfilmung von Kleists ‚Michael Kohlhaas‘, internationale Großproduktion mit David Warner und Anna Karina, ein brutaler Flop. Schlöndorff kappte die Stränge zum bürgerlichen Ambiente, zum Studiobetrieb, in den er nach seinen Lehrjahren bei den Meisterfranzosen Resnais und Melville gerutscht war. Schlöndorff nahm sich den geliebten wilden *Baal‘ vor, ließ die 16mm-Kamera schultern und machte ein ‚dirty little picture‘.

De Film ist ein Scharnier im jungen deutschen Kino, er leitet über zu den Naturtalenten Fassbinder, Herzog, Achternbusch. Er ist ein Sammelbecken, in dem Leute aus der Umgebung Fassbinders und seines Antitheaters zusammenwirkten, vor der Kamera und dahinter, Hanna Schygulla und Irm Hermann, Rudolf Waldemar Brem und Peer Raben, sie wurden bescheiden bezahlt, viele blieben für die weiteren Filme Fassbinders. Bei ‚Baal‘ trafen sie auf Marian Seidowsky, der Basini in Schlöndorffs ‚Törless‘ war, und Margarethe von Trotta, die später Schlöndorffs Frau wurde, auch Carla Aulaulu war dabei, die man aus den Filmen Werner Schroeters kennt.“

Probleme hatte Brechts Witwe Helene Weigel mit dem Film. Sie sah die WDR-Ausstrahlung in Ost-Berlin und war schockiert. Sie untersagte jede weitere Aufführung. Für mehr als vierzig Jahre blieb dieser Baal im Keller, teilte ironischerweise das Schicksal der Regalfilme aus der DDR-Produktion damals. Gerade beim Dichter Brecht, der listig über den Materialwert fremder Kunst reflektiert hatte, über das Weiterarbeiten an eigenen und fremden Texten. Erst vor zwei Jahren schaffte es Juliane Lorenz, Fassbinders enge Mitarbeiterin und Vorsitzende der RWF-Foundation, den Bann zu brechen.

„Ein Meisterstück der Kinopubertät, das grell ist und geil, morbide und fleischlich und blutig. Die Prätention ist manchmal unerträglich – und natürlich saukomisch. Ein Rest von revolutionärem Überschuss, es gilt die Nachkriegsgesellschaft zu sabotieren, indem man ihre nützlichen Idioten funktionalisiert. Baal frisst sich durch, er nutzt alle aus. er demütigt und schwängert die Frauen und stößt sie in den Staub.

Baal, das ist schon der komplette Fassbinder, aber ohne den jämmerlichen Narzissmus der späten Filme. …

Bei aller Erdnähe hat der Film den Blick doch in den Himmel gerichtet: ‚Leben will ich, eure Sonne schnaufen und im Lichte reiten wie ihr.'“

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