543: Litauens Außenminister Linkevicius: „Uns droht von Russland keine Gefahr“

Für die SZ (22./23.3.14) hat Stefan Braun den litauischen Außenminister Linas Linkevicius interviewt.

SZ: Herr Minister, haben Sie heute Angst vor Russland?

Linkevicius: Nein, habe ich nicht. Natürlich ist die Bevölkerung in den baltischen Staaten beunruhigt. Und natürlich könnte man jetzt weitere Unruhe provozieren, indem man größte Befürchtungen äußert. Aber wenn ich ehrlich sein soll, fürchte ich mich nicht. Wir sind Mitglied der EU, wir sind Mitglied der NATO. Der NATO-Rat war in seiner jüngsten Sitzung klar und schnell. Deshalb glaube ich nicht, dass uns von Russland Gefahr droht. Das bedeutet nicht, dass wir entspannt sind und uns keine Gedanken machen.

SZ: Welche Sorgen treiben Sie um?

Linkevicius: Es ist ein Déja-vu, wenn man sich an Georgien 2008 erinnert. Und ich wage den Vergleich: Man kann sich sogar an 1938 erinnern. Es läuft gerade etwas richtig schief. Wir dürfen nicht die gleichen Fehler machen wie 2008, als wir nach dem Georgien-Krieg quasi ohne Konsequenzen für Russland wieder zur Normalität zurückkehrten. Deshalb bin ich froh, dass die internationale Gemeinschaft jetzt absolut geeint ist. Die EU, die NATO, die USA, Japan, Australien – alle zeigen, dass Russland isoliert ist.

SZ: Hat der Westen Fehler gemacht bei der Erweiterung von EU und NATO? Hätte er mehr Rücksicht nehmen müssen?

Linkevicius: Man hätte mit den Russen mehr und vor allem viel klarer sprechen müssen. Aber Fehler? Nein! Ich erinnere mich an die Geschichte meines eigenen Landes. Als wir um unsere Unabhängigkeit kämpften, gab es die gleichen Unsicherheiten. Niemand wusste, was passieren würde. Auch aus dem Westen gab es Mahnungen, wir sollten nicht zu weit gehen, wir sollten nicht gleich in die EU und in die NATO streben. Noch Jahre später sagte man uns, wir würden niemals in die NATO aufgenommen werden. Ost wie West versuchten uns vorzuschreiben, was wir tun sollten. Dabei wollten wir nur eines: selbst entscheiden. Unabhängig werden. Frei. Genau das wünsche ich den Menschen in der Ukraine: dass sie alleine entscheiden können, was aus ihrem Land wird.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.