Die Diskussion über die deutsche Literatur ist erfreulich lebhaft und andauernd. Nun schaltet sich noch Lothar Müller mit der ihm eigenen Klasse ein (SZ 25.2.14).
Florian Kesslers Diagnose vom „Heintje-Effekt“ in der Literatur der braven jungen Leute schloss sich Maxim Billers Verdikt über die „Onkel-Tom-Literatur“ der Immigranten an, welche die ihnen von Biller zugedachte Rolle nicht erfüllten, Stachel im Fleisch der deutschen Volksgemeinschaft zu sein. Lothar Müller macht darauf aufmerksam, dass das Abstellen auf die Herkunft der Autoren ein ständisches Element ist. Denn die Moderne hat ja gerade das Auseinandertreten von Herkunft und Zukunft gebracht. Die Regel „Einmal Bauernsohn, immer Bauernsohn“ gilt in der modernen Gesellschaft nicht mehr. Das ist ihr Vorzug.
„Die Herkunft gibt einem Autor nicht zwingend seine Stoffe vor, und der Stoff gibt die Form nicht vor, in dem er erzählt wird oder in ein Gedicht oder einen Essay eingeht. Ästhetisch gesehen gehört Maxim Biller zu den konservativen Autoren. Er mag von seinem Erzählton nicht mehr abweichen, den er in Orientierung an den osteuropäischen jüdischen Autoren des 20. Jahrhunderts und den nordamerikanischen Autoren, die ihn aufgriffen, gefunden hat. Zur realistischen, allgemein verständlichen Tradition des Erzählens, die er unter beständigem Avantgarde-Bashing hochhält, gehört die unangefochtene Herrschaft des epischen Imperfekts. Darum ist er so allergisch gegen das Präsens als Erzählzeit, für ihn kann der ‚Präsensstil‘ seiner Kollegen nur eine Kapitulation vor dem ‚ARD-Fernsehspiel-Drehbuch‘ sein.“
Was m.E. aber noch viel wichtiger ist: dass die deutschsprachigen Autoren sich von niemandem Vorschriften machen lassen.