College-Romane kann verschlingen, wer im universitären Milieu lebt oder gelebt hat. Viele von uns haben noch
David Lodges „Schnitzeljagd“ („Small World“) (1984)
im Kopf. Manche
Dietrich Schwanitz „Der Campus“ (1995) oder
Jeffrey Eugenides „Die Liebeshandlung“.
Wie der letztgenannte Titel nahelegt, geht es dabei vielfach um die Liebe. Das ist sehr schön, auch wenn wir es nicht überschätzen sollten. Denn wie der Volksmund sagt, könnte das Liebesleben der Metzger und das der Literaten ziemlich ähnlich sein, nur schreiben die Metzger nicht drüber.
Gegenwärtig ist natürlich alles viel ernster. Ein erster Roman über den „akademischen Kapitalismus“ ist erschienen:
Sam Lipsyte. Der Spender. Wiesbaden (Luxbooks) 2013; 22,80 Euro.
Wenn Universitäten zu Unternehmen und Lehrbeziehungen zu Dienstleistungsverhältnissen verkommen, stehen andere Dinge auf der Tagesordnung (Kai Sina FAZ 8.2.14). Der Held, Milo Burk, ein gescheiterter Künstler, treuer Ehemann und liebevoller Vater arbeitet in der Finanzentwicklungsabteilung einer gebührenstarken, geistig aber mittelmäßigen New Yorker Universität. Er betrachtet die Studenten als Hochstapler und verachtet sie. Sie seien „vollgepumpt mit Selbstüberschätzung und mit den daraus resultierenden Bankschulden“.
Eine Studentin beschreibt sich Burk gegenüber voller Überheblichkeit als „Kundin“. Dieser bezeichnet sie als „arrogant“ und „talentlos“ und beschimpft sie sogar. Das hätte er besser nicht tun sollen; denn die „Kundin“ ist die Tochter eines einflussreichen Universitätsmäzens. Die Folge: Burks Entlassung.
Aber unser Mann hat Glück. Sein Studienfreund Purdy Stuart, der mittlerweile im Zuge des IT-Booms zu sagenhaftem Reichtum gekommen ist, erwägt eine Spende, will aber nur mit Milo Burk darüber verhandeln. Voller Gier nach frischem Geld verspricht die Hochschule, von Milos Vorgeschichte abzusehen und ihn wieder einzustellen. sollte die Spendeneinwerbung wirklich gelingen. Wir werden in die Welt des Hochschul-Kapitalismus eingeführt. Mit einem Temperaturabfall bis zur Eiseskälte.
Purdy wittert seine Chance und instrumentalisiert Burk für seine Zwecke. Als Gegenleistung verlangt er, dass Burk ihm seinen unehelichen Sohn vom Halse halten soll. Dieser entpuppt sich als verstümmelter und zynischer Irak-Veteran mit einer Vorliebe für „White Trash“. Lipsyste porträtiert hier die US-amerikanische Gegenwart. Während seine eigene Ehe mehr und mehr vor die Hunde geht, besucht Milo Burk seine lesbisch gewordene Mutter, die mit ihrer Freundin glücklich in einer Art hippiehafter Kommune lebt.
Lipsyste, der als Dozent für „Creative Writing“ an der Columbia University vom Bau ist, entwirft ein sehr trauriges Endzeitszenario. Seine Lesart des gesellschaftlichen Wandels und der universitären Wirklichkeit in den Vereinigten Staaten läuft auf die Frage hinaus, wohin die Verquickung von Geist und Geld führt, die es auch schon an deutschen Universitäten gibt. Es ist ein Abgesang auf ein geistiges Milieu, ja die Verabschiedung eines intellektuellen Zeitalters.
Darin steckt eine Aufwertung der Literatur, die sich unwillkürlich einstellt. Sie ist der letzte Rückzugsort eines aufgeklärten Bewusstseins. Halten wir daran fest.