555: Henriette Herz und die Berliner Salons um 1800

Zwischen 1786 und 1806 blühten in Preußen, in Berlin, die Salons. Die Basis für eine demokratische Entwicklung in Deutschland. Es war eine Großstadtkultur, in der sich die verschiedenen Stände ohne Berücksichtigung einer Rangordnung frei trafen (Jens Bisky, SZ 13.12.13). Adel, Bürgertum, Geistlichkeit, Politiker, Philosophen, das Königshaus. Es zählte das Argument. Gastgeber dieser freien Geselligkeit waren häufig Juden, in wichtigen Fällen ihre Frauen: Henriette Herz, Rahel Varnhagen, Dorothea Veit.

Nun sind die Erinnerungen von Henriette Herz erschienen:

Henriette Herz in Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen. Neu ediert von Rainer Schmitz. Die andere Bibliothek (Berlin 2013), 576 Seiten, 40 Euro.

Henriette de Lemos wurde 1764 als Tochter eines portugiesischen Arztes geboren und früh an den Arzt Marcus Herz verheiratet, einen ehemaligen Lieblingsschüler Immanuel Kants (1724-1804). In ihrem Salon herrschte ein Klima der Aufklärung. Deutscher Idealismus (Kant, Hegel, Fichte, Lessing et alii) und Romantik (August Wilhelm Schlegel, Friedrich Schlegel, E.T.A. Hoffmann et alii) lagen miteinander im Streit.

Henriette Herz hatte 1818 ihre Erinnerungen niedergeschrieben, fürchtete aber nach dem Erscheinen der Briefwechsel Rahel Varnhagens die Indiskretion. Deswegen vernichtete sie ihre Skripte teilweise. Sie erschienen erst nach ihrem Tode 1847.

Historisch beginnt das freiere geistige Leben in Berlin mit Moses Mendelssohn (1729-1786), dem Partner Gotthold Ephraim Lessings (1729-1781). Dort fehlten auch „alte orthodoxe Juden“ nicht. Mendelssohn Tochter Dorothea, eine geschiedene Veit, führte als Frau Friedrich Schlegels („Lucinde“) selbst einen bekannten Salon. Gäste waren Wilhelm von Humboldt, Friedrich Gentz, Karl Philipp Moritz, die geistige Elite. Es herrschte der freie Geist des Individualismus. Die Emanzipation von Frauen begann. Programmatisch ging es um die Überschreitung der Grenze zwischen Literatur und Leben. Das gesellige Leben wurde wie ein Kunstwerk konstruiert. Typisch war die politische Schwäche Preußens. Königin Luise und Kronprinz Louis Ferdinand wirkten als ästhetische Figuren. Mit dem Sieg über Napoleon setzte sich in Europa die politische Reaktion durch und herrschte danach bedauerlicherweise lange Zeit. Das für Salons günstige Klima verschwand.

Zwei wichtige politische Theoretiker des 20. Jahrhunderts haben sich in wichtigen Schriften zentral auf die Salons in Berlin berufen, Hannah Arendt und Jürgen Habermas. Insofern ist die Tradition der politischen Philosophie der Freiheit sowohl als auch die links-bürgerliche Theorie („kritische Theorie“) in den Salons fundiert:

Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik. 1959,

Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. 1962.

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