541: Kehlmann: Brecht war gegen freie Wahlen, Meinungsfreiheit und Bewegungsfreiheit.

In 540 war von der McCarthy-Ära in den USA (Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts) die Rede. Eine schlimme Zeit der Verdächtigungen, des Ausspähens, der Verhöre. Wir dürfen daraus nicht den falschen Schluss ziehen, dass diejenigen, die ausgespäht wurden, lupenreine Demokraten waren, wie man heute ja wohl sagt.

Das gilt zum Beispiel für unseren verehrten Bertolt Brecht, der als überzeugter Kommunist schnellstens das Vaterland aller Proletarier, die Sowjetunion, durchquert und sich beim Klassenfeind in Hollywood niedergelassen hatte. Um sich unter die „Verkäufer von Lügen“ einzureihen. Lieber in Hollywood lügen (Brecht schrieb das Drehbuch zu Fritz Langs „Hangmen also die.“), als im „Hotel Lux“ wohnen und im Archipel Gulag umkommen.

Daniel Kehlmann hat anlässlich der Eröffnung des Brecht-Festivals in Augsburg 2008 dazu eine bemerkenswerte Rede gehalten („Es ist nicht weniger als unser aller Glück, dass die Welt nicht so geworden ist, wie Bertolt Brecht sie sich gewünscht hat“) (SZ 19./20.7.2008).

Darin sagt er: „Und bevor wir uns wohlfeilen Phrasen überlassen, sollten wir einmal deutlich aussprechen, welches Glück wir haben, alle von uns, jeder Einzelne, dass die Welt nicht so geworden ist, wie er sie sich gewünscht hat, denn die seine würde keine freien Wahlen kennen, keine Meinungsfreiheit, keine Freiheit, dorthin zu gehen, wohin man will. In jenem großen Religionskrieg der Sowjetregierung (Archipel Gulag, W.S.) gegen ihr eigenes Volk, einem Krieg, in dem nur eine Seite bewaffnet war, stand er zuverlässig, wenn auch mit jener sanften Ironie, auf die seine Verteidiger sich gerne berufen, bei denen, die die Religion hatten und die Maschinengewehre.“

Kehlmann schätzt verständlicherweise sehr vieles von Brechts Literatur. Sie gehöre partiell zum Besten, was in unserer Sprache geschrieben wurde.

Er verweist zu Recht auf den „Verrat der Intellektuellen“, wie ihn Julien Benda 1926 („Le trahison des clercs“) analysiert und verurteilt hatte.

„Es war immer eine seltsame Annahme, dass Lyriker und Romanciers mehr über Politik wüssten als etwa die Ingenieure, die Zahnärzte oder die Orchestermusiker.“ Dreimal ja!

„Nein, wir sind nicht klüger als sie, aber rückblickend sollten wir auch nicht den Schrecken leugnen und tun, als wären sie klüger gewesen, als sie waren.“

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