Albert Camus hat hundertsten Geburtstag (Iris Radisch „Die Zeit“ 17.10.13, Mirko Bonné und Wolfgang Schneider „Literarische Welt“ 2.11.13, Christof Forderer „taz“ 2./3.11.13, Joseph Hanimann und Thomas Steinfeld „Süddeutsche Zeitung“ 7.11.13) . Zu seinen Lebzeiten (1913-1960) war er ein literarischer und philosophischer Star und rief viel Neid auf den Plan. Besonders bei Jean-Paul Sartre. Er nannte Camus den „kleinen Schurken aus Algier“ und kritisierte sein Buch „Der Mensch in der Revolte“ damit, dass er sagte, Camus könne wohl nicht richtig denken. Nach der Meinung vieler sah Camus gut aus (einige meinten wie Humphrey Bogart in „Casablanca“) und war ein Frauenheld. Seine Gegner bezeichneten ihn aber auch als den „Pflichtautor für Oberschüler“. Als seinerzeit Betroffener kann ich bestätigen, dass wir Camus sehr ernst nahmen, als ich zwei Jahre nach seinem Tod 1962 zum ersten Mal in Paris war.
Camus‘ Bejahung der Welt trotz ihrer Sinnlosigkeit und Absurdität stammte aus der Philosophie Friedrich Nietzsches. Das war damals weithin verpönt. Überhaupt tat man seinerzeit besser daran, mit Sartre zu irren, als mit Camus Recht zu behalten.
Albert Camus war ein Zweifler. Und er sagte: „Antigone hat recht und Kreon hat nicht unrecht.“ Das hielten viele nicht aus. Lieber mit Sartre klar bei Andreas Baader enden, als mit Camus indifferent gegenüber dem Algerienkrieg sein. Mittlerweile bestätigt der „Sartrianer“ Bernard-Henri Lévy, dass Camus in allen politischen Kontroversen mit Sartre recht behalten habe. Dies hat sich ganz deutlich 1989 gezeigt, als der real existierende Sozialismus zusammenbrach. Tatsächlich ist Albert Camus ein Vorläufer der „Neuen Philosophen“ wie Lévy, die seit den siebziger Jahren im Namen der Menschenrechte die herrschenden Systemideologien demontierten.
Albert Camus ist eine unbequeme Autorität. Er konnte „nein“ sagen („Der Mensch in der Revolte“). Dieses „nein“ ist nicht nur der Philosophie abhanden gekommen, sondern der Welt insgesamt, in der viele unablässig an der Optimierung ihrer selbst arbeiten. Anlässlich der Nobelpreisverleihung 1957 erklärte der gerade Geehrte, wenn er zwischen seiner Mutter, die in Algier lebte, und der Gerechtigkeit zu wählen habe, bevorzuge er erstere.